Mei Bua// 2018// Kreta

Es war der Tag, an dem ich meine Yamaha FZX750 ohne jeden Zweifel im Bazar inserierte. Einen Tag später war sie weg. Ich schaute dem Fremden nach, der mit röhrendem Auspuff die Feuerwehrstrasse einmal runter und einmal rauf raste. Zwei scharfe Schlangenkurven und eine inszenierte Notbremsung später drückte er mir fünftausend Schilling in die Hand, schraubte das Kennzeichen ab und verlud das Nakedbike auf den Anhänger seines Autos.

Es war der Tag, an dem der Ultraschall den schwarz-weiß Umriss eines winzig kleinen Wesens zeigte. Der Tag in meinem Leben, an dem mich dieses Gefühl von „nicht mehr nur für mich verantwortlich sein“ wie eine Infusion in die Adern getroffen hat, unmittelbar, zweifelsfrei, schwergewichtig.

Nicht, dass ich als damals siebenundzwanzigjähriger Baggerverkäufer plötzlich weise und leise geworden wäre. Nicht, dass unsere damals schon sehr aufgeriebene, problematische Beziehung plötzlich geheilt und entspannt gewesen wäre.

Nicht, dass ich auch nur im Ansatz geahnt hätte, was Vater sein bedeutet, was mich erwartet und wie ich es meistern soll. Nicht, dass ich keine Ängste und Enge gespürt hätte, sich kein Gefängnis aus Verantwortung und Ausgeliefertsein in meinen Knochen festsetze.

Doch, es war da: Dieses zweifelsfreie Bewusstsein von Vaterliebe. Seither, ununterbrochen. Immer. Auch jetzt. Hier, dreiundzwanzig Jahre später, gemeinsam zu zweit auf Kreta. Vater und Sohn Reise. Lukas und ich.

Mit 160 km/h an Autokolonnen vorbei rasen, die Grenzen der Schräglagen austesten und dieser immer wieder unverhinderbar passierende Beschläunigungskick, dieser emotionale Cocktail aus Körperdruck und höllischem Maschinenknall in meinen Ohren, diese Vibration in meinem Arsch und den Eiern – das ging sich nun in mir nicht mehr aus.

Also blickte ich fassungslos dem Anhänger mit meiner geliebten FZX hinterher, wusste gar nicht wie mir geschieht. Als ob jemand Anderer mein Bike verkauft hätte, ein fremder Mann, welcher sich mit einem Blitzschlag in mein jugendliches leichtsinniges Selbst gesetzt hätte.

Unser zweites Kind schaffte es nur ein Jahr später nicht, legte sich im Eileiter zur ewigen Ruhe, nicht ohne vorher mit all seiner gesunden Wachstumskraft diesen brutal zu zersprengen. Die mütterliche Bauchdecke voller Blut, die Notoperation rettete das eine Leben, für unser Kind war es vorbei bevor es begann. Anonym entsorgt im Spital, noch bevor ich wusste, dass es eine Eileiterschwangerschaft und kein Blinddarmdurchbruch war. Im Nebel meiner Verdrängung erinnere ich mich an diesen Tag. Lukas konnte gerade gehen, die Spitalstage der Mutter waren unsere erste richtige Vater Sohn Zeit. Es ging leicht, ich fühlte mich stark und sicher – erstmals allein mit Lukas. Hand in Hand gingen wir täglich Richtung Spital los,…

Wieder ein Jahr später – David. Wieder ein Paar Tage Vater Sohn Zeit mit Lukas, allein auf uns gestellt, still verbunden und alles leicht.

Danach: der ganz normale Pampers und Milupa Wahnsinn für mich. Das Haus wurde zur Kinderstube, die Wandfarben Tag für Tag blauer angestrichen, die Böden Tag für Tag mehr von piepsendem Plastikspielzeug, Krabbelhilfen, Kuscheldecken bedeckt, die Stiegenabgänge vergittert, die Steckdosen mit Ikeaplastik unverwendbar gegen die Gefahr tödlicher Stromstöße abgesichert. Meine LP Sammlung und Plattenspieler weit über Augenhöhe verlagert, mein Arbeitsraum zum zweiten Kinderzimmer umgekrempelt.

Das Doppelbett wurde zum Massenbett, die Kinderfüsse im Gesicht, der partnerschaftliche nächtliche Tritt unter der Decke, zu verstehen als unsanfte Aufforderung, das nächtliche Fläschchen nicht zu heiss und nicht zu kalt zu bereiten.

Der Freundeskreis bestand in Null Komma Nichts nur noch aus Eltern mit gleichaltrigen Kindern, die Väter tranken bei den unzähligen Kinderjausen Bier und redeten über ihre super Jobs, die Mütter über Blähungen, nächste Schwangerschaften, über die ihren Ansprüchen niemals gerecht werdenden Krabbelstubentanten. Sie organisierten den Protest der besorgten Mütter und mobbten tatsächlich die neue Leiterin des Kindergartens via Bürgermeisterintervention raus. Niemand konnte es gut genug machen, niemand so gut wie sie selber – wenn sie nicht dauernd selbst arbeiten müssten… Und wir Väter schauten zu, hielten uns raus, beschränkten uns auf Stänkern und „über die Frauen spotten“…

Ich flüchtete mich unreif in Karriere, in Messen und Geschäftsreisen, Affären und Räusche. War stolz darauf, der jüngste Marketing- und Verkaufsleiter der Baumaschinenbranche zu sein und verdiente mehr Geld als heute. Ich gab allerdings auch deutlich mehr aus.

In unvereinbarem Widerspruch stand mein Vatersein mit der Undenkbarkeit, mich einer Lebensform zu unterwerfen, welche ich zu tiefst verabscheute. Meine eigene Unreife und Freiheitssehnsucht stand uns allen im Weg. Die Streiterein wurden lauter, die Räusche täglich, die Traurigkeit tiefer und die Sprachlosigkeit zwischen uns Eltern immer dröhnender.

Ich flüchtete für alle unübersehbar aus der Beziehung. Fand in Psychotherapie und Coaching-Ausbildung das eine oder andere Licht am Ende des Tunnels. Je mehr ich mich selber entdeckte umso mehr verloren wir uns. Lange Zeit erzählte ich an dieser Stelle meine Opferversion, die Geschichte vom armen, schuldlosen Mann, vom Opfer der bösen Frau. Heute ist mir meine damalige Feigheit, Unfähigkeit, Unreife und auch Unentschlossenheit bewusst.

Acht Jahre nachdem die FZX ohne mich davon fuhr, packte ich meine Sachen. Musste ich sie packen, freiwillig wäre anders gewesen. Scheidung. Haus weg. Plötzlich war ich „von den Söhnen getrennt lebender Alimente zahlender Vater“.

Kinder nur alle 2 Wochen an den Wochenenden mit mir, einmal die Woche extra über Nacht. Auch hierzu erzählte ich lange meine Opfergeschichte – heute bin ich meiner Exfrau dankbar. Sie hat alles gegeben – auf ihre Art, ich bekam einen großen Teil meiner Freiheit – auf meine Art.

Sechs mal zog ich in vierzehn Jahren um, immer auf der Suche nach der größt möglichen Nähe zu unseren beiden Söhnen. Traumhafte Vater-Söhne Reisen und Urlaube, Tauch- und Surfkurse, tägliche Telefonate und – bis heute – Platz für unsere Emotionen. Im Gespräch und im Schweigen. Damals schon, heute erst recht.

Gelandet bin ich zuletzt in einer WG mit Lukas und David – die schönsten drei Jahre meines Lebens. Voller Reibung und Nähe, voller Heilung und Freude. Mit meinen Söhnen in diesem Leben doch noch unter einem Dach leben zu können – diesen Traum hatte ich seit der Scheidung geträumt – und diesen Traum hatte ich aufgegeben. Losgelassen. „Lass los und es geht los.“ – wieder mal.

Was mich in den tiefsten Krisen, in der leersten Verlorenheit und weit weg von Lebensfreude immer und immer wieder hier gehalten hatte, war dieses Bewusstsein von „Vater Sein“. Von „Da Sein“, was auch immer ist. In der größten Dunkelheit war dieser goldene Faden da, zwischen unseren Herzen – sogar und erst recht dann, wenn wir uns verloren hatten. Auch diese Phasen gab es.

Was mich heute in einer Tiefe glücklich sein lässt, wie ich sie mir nicht tiefer vorstellen kann, ist die Liebe – so wie ich mich von Lukas und David gesehen fühle. In meinem Wesen, in meinen Schatten, in meiner Berufung. Die beiden – heute erwachsene, gereifte Männer – sind in den Kreis meiner besten Freunde und Ratgeber eingetreten.

Wer mich kennt weiß, welchen hohen Wert „Freundschaft“ für mich hat. Den höchsten. So schließt sich ein Lebenskreis. Sohn und Vater sitzen mit Blick auf’s Meer, schweigen und schreiben nebeneinander…

Mei Bua/ 2006

Ich wünsch dir zu begreifen, warum du am Leben bist. Warum du immer wieder von unten Schwung holen wirst, wie sehr du mir wichtig bist.

Du sollst lieben und sollst lachen, weinen und deinen Atem spüren, verstehen warum’s die Wärme und die Kälte gibt, warum sie versuchen werden, dich zu verführen.

Wünsch dir die höchsten aller Höhen, die Tiefen nur so tief wie du sie brauchst, um immer wieder zu erfahren, dass du an dich glaubst.

Sollst lernen zu vergessen, was gestern wichtig war, frag Löcher in ihre Bäuche, sei dir nie zu früh zu klar.

Du bist mei Bua, mei geliebter Bua – Ich trau dir Alles zu.

Hoff dass du immer glaubst an deinen Zauber, an die Kraft in dir mittendrin. Dass du es dir glaubst wann’s in dir hochkommt, vertraust auf deinen tieferen Sinn.

Wünsch dir, dass du dir immer treu bist, lernst jedem Menschen zu vergeben. Kämpfst für alles wofür es dir wert ist, schreib bitte Bücher übers Leben.

Du bist mei Bua, mei geliebter Bua, Ich trau dir Alles zu.

Mach nur das was dir dein Herz sagt, denk vor und niemals nach. Verschenk soviel wie du du nur geben kannst, trau dich stark sein und auch schwach.

Versuch zu verstehen, was die Liebe mit uns macht. Sei offen und vergnüg dich, es ist dein Herz, dass aus dir lacht.

Du bist mei Bua, mei geliebter Bua, ich trau dir Alles zu.