Alles soll wieder so werden wie es niemals war.

Als Eltern zweier Söhne gingen wir damals zur Familienberatung. »Umgang mit Geschwisterkonflikten« war das Thema. Was mir bis heute, 15 Jahre später, in Erinnerung blieb, ist so einfach wie auch genial: Das Kind mit der grösseren Auffälligkeit – also das gerne als das »schwierigere Kind« bezeichnete – braucht statt Strafe und »gib endlich Ruhe, lass deinen Bruder auch an’s Spielzeug« noch mehr Aufmerksamkeit. Noch mehr Zeit mit ihm allein, noch mehr Wertschätzung, noch mehr Zuhören, noch mehr Pflege, noch mehr vom Kuchen.

Die Katze beisst sich also in den Schwanz. Wo wir eh schon im »Nein« feststecken, wo wir eh schon »sauer« sind, wo wir eh schon »es reicht jetzt!« brüllen – gerade dort sollen wir jetzt noch mehr geben? Uns diesem »Terror« auch noch freiwillig stellen? Wo wir doch eh schon so viel eingeredet haben, wie auf die kranke Kuh, geduldig waren!? »Sicher nicht!« sagt die innere Stimme, was Recht ist, ist Recht. Irgendwie scheint es gegen unsere Natur zu sein, uns mit unserer Nächstenliebe dort hin zu wenden, wo es uns eh schon weh tut. Hätte was von Masochismus, das gerne zu tun, was uns weh tut und schwer fällt… Diese Pädagogen werden’s schon besser wissen, dachten wir uns.

Wir haben’s dann getan, konsequent, liebevoll, Schritt für Schritt uns den Bedürfnissen (den wirklichen und den eingebildeten) des älteren Sohnes gewidmet, immer auch innerhalb klarer Regeln und Grenzen – und siehe da, es hat gewirkt. Es hat sich sowas wie Frieden eingestellt, so etwas wie Ruhe und »ich ergebe mich«. Und je mehr Aufmerksamkeit wir dem »schwierigen« mit seinen ganz eigenen Bedürfnissen nach viel Aufmerksamkeit und Zuwendung geschenkt haben, umso mehr ruhige Momente waren plötzlich auch mit dem »braven« möglich. Paradox! Mehr Aufwand an Zuwendung bedeutete zugleich mehr Zeit für alle. Erst nach Lösen dieses Problems konnten wir uns auf’s Wesentliche konzentrieren – auf’s Familie sein.

Das Wort »Nachnähren« bringt es für mich auf den Punkt, was die revoltierenden, nie zufriedenen, sich selbst als »zu kurz kommend« Fühlenden, brauchen. Um sich dann – vielleicht erstmals – ganz sicher zu sein, dass sie gesehen, willkommen, geliebt sind. Dass sie nicht vergessen wurden, nur weil da jetzt auch ein anderes Geschwisterl mit seinen Schmerzen, Ängsten, seinem Hunger, Durst, seiner Spielfreude und sonstigen Bedürfnissen in die Familie dazu gekommen ist. Das für Alle genug da ist. Und erst dann – wenn ich mir wirklich wirklich sicher bin, dass meine eigenen Bedürfnisse gesichert sind – erst dann zieht meine unbewusst und triebhaft geprägte Psyche der äusseren Realität nach. Erst dann glaub ich, dass das Essen wirklich für uns alle reicht, dass Papa und Mama genug Aufmerksamkeit für alle haben, dass ich eh nicht benachteiligt, weggelegt und vergessen werd, nur weil da jetzt ein Geschwisterchen mehr im gemeinsamen Haushalt lebt. Es zählt nicht was wirklich ist, sondern was ich empfinde und glaube. In meiner Welt.

Warum mich das alles, 15 Jahre danach, gerade heute beschäftigt? Weil wir umgeben sind von so vielen Geschwistern, die sich den Flüchtlingen gegenüber genau so verhalten wie das »schwierige Kind« zum Familienzuwachs.

»
Wir haben doch selbst so viele Probleme. Der Staat hat für seine eigenen Kinder nicht so viel übrig wie für diese dahergeschwommenen Diebe. Uns geht’s selbst so schlecht. Wir haben selbst kein Geld für unsere Polizei, unsere Pensionen, für unsere Hypo. Wir sind doch selbst von Obdachlosigkeit bedroht! Wo sind die Frauen und Kinder von denen – wieso kommen die allein da her? Wer hilft uns? Die wollen uns ja nur alles wegnehmen! Unsere Arbeit, unser Essen, unsere Sozialbudgets, sicher auch unsere Mädchen und Frauen. Sogar schwule Ampelmännchen sind euch schon wichtiger als ich! Ich will kein zweites Bett in meinem Kinderzimmer, der Bruder soll wo anders pennen!  Die Flüchtlinge kommen nur kassieren und schicken die Kohle zu ihren glücklichen Familien nach Hause! Mama! Papa! Oma und Opa haben nach dem Krieg auch alles selber aufgebaut! Warum müssen die scheiss Flüchtlinge das nicht auch tun!? Das ist unfair! Wenn die das nicht selber aufräumen müssen, dann räum ich mein Kinderzimmer auch nicht mehr auf! Was seid ihr bloss für schreckliche Rabeneltern!
«

Es gibt euch also, und ihr seid viele. Ihr – die »gegen Asylanten und deren Aufnahme in der EU und erst recht in Österreich seid« – ob mir das recht ist oder nicht. Ihr seid gegen Flüchtlinge, dagegen, dass Österreich – also unsere Familie – sie adoptiert. »Schickt sie einfach zurück, Grenzen dicht. Weg mit ihnen. Ausländer raus.« Und ihr zeigt euch immer offener, Facebook und politischer Unkultur sei Dank. Viele von Euch mag ich eigentlich von Herzen gern, will euch auch nicht missen, »löschen« oder ständig offen mit meinen Postings kritisieren. Ich respektiere eure freie Meinung – und schätze es sehr, dass meine kritischen Postings und Artikel meinst ohne böse Kommentare bleiben. Euch vereinfacht als »rechte FPÖ – Wähler« einzugrenzen, wäre zwar praktisch – aber auch genau so falsch.

Ihr habt das reale Gefühl »zu kurz zu kommen, benachteiligt zu werden« – »nicht gesehen zu sein, vom eigenen Staat, von der eigenen Familie«. Ihr spürt reale Ängste und Schmerzen. Ihr werdet allein nicht damit fertig, deshalb zieht es euch besonders stark in diese Facebook »Rudel« und »Horden«. Ihr setzt euch nicht einfach nur eine Runde zum meditieren, bucht ein teures Achtsamkeitsseminar und macht danach eine »Lebens- und Sozialberater Umschulung«.

Viele von euch gehören der 1 Million BürgerInnen an, welche unter oder an der Armutsgrenze leben. Ihr seid – warum auch immer – arbeitslos oder akut von Arbeitslosigkeit bedroht.  Ihr spürt tief drinnen, dass die Wirtschafts- statt Sozialpolitik Europas gegen so viele eurer menschlichen Bedürfnisse geht – und sehr wahrscheinlich packt ihr das »Rennen im Hamsterrad« nicht mehr. Ihr gehört so wie wir alle zu den 99%, die durch 1% Turbokapitalisten dominiert sind. Ihr seid die, die sich von der verkopften, unemotionalen Sprache der SPÖ und ÖVP Politik nicht mehr verstanden fühlen, denen die esoterische »wir haben uns alle lieb Sprache« der Grünen am Arsch vorbei geht – und die KPÖ zu weit weg ist. Ihr seid Menschen, denen der HC Strache mit seinen Kickl getunten Sagern aus der Seele spricht – weil er genau das trifft, was euch betrifft. In eurer Welt.

Es hilft nicht, wenn viele das immer und immer wieder »pfui gack« finden, was da »so unmoralisch und unethisch« auf Facebook gepostet wird. Noch dazu: Was wir alle auf Facebook zu lesen bekommen, ist ja nur die nette Spitze des Eisberges: Wenn die linken »Gutmenschen« (wie ihr Sozialträumer wie mich gerne abschätzig nennt) da draussen erst wüssten, was sich in euren geschlossenen Facebook Gruppen und Foren alles abspielt. Na hawidere.

Aber jetzt kommt’s: Es hilft gar nicht’s euch auszugrenzen, an den »Neo-Nazi-Pranger« zu stellen, obergescheite linke Reden und Artikel zu schreiben, abzumahnen. Klagen ja, wenn alle Grenzen überschritten sind, wenn zu Mord und sonstigen Verbrechen aufgerufen wird. Das ist Terrorismus, Wiederbetätigung und sonstiges schweres Verbrechen.

Was hilft ist: Liebevolle Zuwendung. Ernstnehmen statt Oberlehrer. Ob es uns recht ist oder nicht: Wenn wir den sozialen Frieden in unserem Österreich erhalten wollen, schaffen wollen – dann müssen wir uns um die Probleme und Bedürfnisse aller Menschen kümmern. Je mehr wir für die Flüchtlinge tun – und da steht ja eine Mehrheit der ÖsterreicherInnen voll dahinter – umso mehr müssen wir uns zeitgleich um die eigenen Leute kümmern. Wirklich kümmern. Genau so, wie um den das »schwierigere Geschwisterl«… Denn es gibt die versteckte Armut auch in unserem Land. Ja, das Geld ist für viele knapp! Ja, es gibt grosse Ängste vor fremden Kulturen, die uns unsere Gourmet-Würstelstände wegnehmen und durch grausliche Kebabbuden ersetzen, die mit ihren 7 Kindern lärmen und am Sonntag im Park grillen, dass die Sonne im Rauch untergeht, alle irgendwie gleich ausschauen und ihre Frauen dazu zwingen zu parieren.  Also nicht solche Gentlemen wie unsereins sind.

Was wirklich zählt ist halt nicht was wirklich ist, sondern wie die Leute es in ihrer Wahrnehmung wirklich erleben. Das ist nicht das Selbe, meinst sogar das Gegenteil. Jemand der das Gefühl hat, zu kurz zu kommen – hat eben dieses Gefühl. Und tickt eben so, wie einer, der glaubt vom Verhungern bedroht zu sein, auch wenn er zu 100% iger Sicherheit in Österreich nicht verhungern wird. Und wenn er sich die kleine Zehe am Beckenrand im Laatschi anhaut, auch als Hockenstader sofort im top Spital versorgt wird, ohne einen Euro extra dafür zu bezahlen. Oder, dass das rote Wien günstige Sozialwohnungen schafft, wie kaum eine zweite Stadt der Welt. Da hilft’s gar nix, dass die Fakten was anderes belegen.

Wir müssen gemeinsam hin schauen, benennen was wirklich ist. Wir haben eine ganze Reihe von dringend zu lösenden Problemen. Und einen akuten Mangel an ermutigenden, leuchtenden, visionären Vorbildern, PolitikerInnen, welche dem HC Strache emotional, psychologisch und pädagogisch das Wasser reichen – und abgraben – können. Dort liegen Problem und Lösung zusammen: Politiker und Politikerinnen, die gemeinsam wie gute Eltern dafür sorgen, dass es allen gut geht. Den »schwierigen« und den »braven« Kindern. Erst danach können die Kinder auch erwachsen werden. Endlich. Denn was wir wirklich wirklich brauchen ist die gemeinsame, sinnvolle, visionäre Arbeit an unserer Familie, der Direkten Demokratie.

Diesen Beitrag teilen