Die stärkste Alternativwährung ist die Liebe

Weil es heute leider noch aktueller ist als damals – 2011, als dieses Interview geführt wurde. Vor vier Jahren hatte ich schon das Gefühl, es ist »Höchste Zeit« – heute sehen wir’s in Griechenland. Eines steht fest: So werden wir nicht weiter machen können! Das falsche Geld)System besser zu machen bedeutet, die Scheisse durch würzen schmackhafter zu machen. Das mag ja ala Leberkäse sogar gelingen – jedoch zum gesunden Lebensmittel wird er dadurch nie und nimmer.

Aus aktuellem Anlass: Interview mit Thomas Andreas Beck und Thomas H. Greco
geführt von Fabian Scharsach und Gabriela Rabl – geführt Anfang 2011:

Mit Geld können wir uns schöne Dinge kaufen und tolle Reisen unternehmen. Wozu also das vorherrschende Geldsystem reformieren oder gar abschaffen?

Beck: Geld führt zur gesellschaftlichen Entfremdung, weil es zu verkürzten Beziehungen führt. Ich gebe Geld her und bekomme dafür eine Leistung – dazwischen ist kaum Platz für eine wohlwollende Interaktion zwischen dem Gebenden und Nehmenden. Zudem hat Geld eine vermeintliche Schutzfunktion, weil man das Gefühl hat, auf Freundschaften außerhalb der Familie nicht angewiesen zu sein. Was wir brauchen, ist ein System, das auf Beziehungen setzt und nicht alleine auf Papierscheine und Plastikkarten.

Greco: Geld erzeugt bei den meisten Menschen Angst, weil sie die Knappheit vor Augen haben. Geld erscheint uns knapp, weil wir immer mehr zurückzahlen müssen, als wir durch den Geldschöpfungsakt – den wir Kredit nennen – von einer Bank bekommen.
Eine Reformierung des Geldsystems steht längst an: Weil Banken vom Staat das Recht eingeräumt bekamen, Geld durch Kreditvergabe zu erschaffen und dafür Zinsen zu verlangen.
Unsere derzeitige Wirtschaft und die angebliche Notwendigkeit eines immer größeren Wachstums ist vor allem ein Ergebnis des Zinseszins-Mechanismus. Er ist aus rationaler Sicht unser größtes wirtschaftliches Problem: Zinseszins erlaubt kein harmonisches und nachhaltiges Wachstum, weil er die Schulden exponentiell, also immer schneller ins Unendliche steigen lässt. Um diese Schulden zu begleichen oder wenigstens die Zinsen dafür zu bezahlen, müsste auch unsere wirtschaftliche Leistung ins Unendliche steigen.
In der Natur ist nur die Krebszelle auf diese Art “exponentiell” veranlagt: sie breitet sich so lange aus, bis der Organismus nicht mehr funktioniert und sich auflösen muss. Das kann auch einem Wirtschaftssystem passieren, das die Geld- und Zinseszinsmaschinerie so lange am Laufen hält bis auch das letzte öffentliche und private Eigentum einigen wenigen Banken und Finanzinvestoren gehört.

Müssen wir alles neu erfinden oder genügt es, auf Altbewährtes zurückgreifen?

Beck: Das jetzt noch vorherrschende Geldsystem war für Vieles segensreich, weil es kraftvolle Entwicklungen ermöglichte. Es hat eine Vielfalt an Waren und Dienstleistungen hervorgebracht. Jetzt müssen wir die Rolle des Geldes neu überdenken. Aber das wird nicht von Außen kommen, das werden keine Politiker für uns machen, wir müssen es selber beginnen – die Ideen dazu tragen wir schon in uns. Und wir können uns auf das bewährte Sozialkapital besinnen: Die stärkste Alternativwährung ist die Liebe. Freundschaften und zwischenmenschliche Beziehungen sind stärker als Geld. Liebe darf wieder zum primären Instrument des Wirtschaftens werden. Wenn ich auf einer Reise meine Kreditkarte und mein Bargeld verliere, lerne ich, wieder die Hilfe von anderen Menschen anzunehmen und auch danach zu fragen. Ich trete wieder bewusst mit Menschen in Beziehung und meistens entstehen daraus sehr schöne und tiefe Erfahrungen. Auch im Geschäftsleben läuft vieles über die Beziehungsebene – und damit meine ich menschliche Verbundenheit, und nicht die Schwarzarbeit. Wo wir den aktiven Wertschätzungsdialog statt der Abrechnung durch Bezahlung suchen, ist plötzlich Kreativität, Innovation da. Geld rechnet ab, beendet somit die Beziehung, wir haben danach nichts mehr miteinander zu tun. Wenn wir hingegen tauschen, helfen, borgen – kommen wir ins Gespräch. Das Lernen, besser Kennen und Entdecken führen zu verbindenden Gemeinsamkeiten. Und plötzlich kommt sie auf, die Lust auf »Co-Kreation«. Lass uns was gemeinsam unternehmen. Das verstehe ich unter »Wirtschaft der Freude«. Freude statt Abrechnung.

Mit einem leeren Bankkonto steht man heute allerdings außerhalb der Gesellschaft. Man vereinsamt.

Greco: Ja, auch weil wir öffentliche Plätze immer mehr zu privatem Eigentum machen. Der öffentliche Raum geht immer mehr in die Hände von privaten Investoren über, dadurch verlieren wir offen zugängliche soziale Räume, wie etwa einen Dorfplatz, als Treffpunkt. Dabei sind freie und offene soziale Räume so wichtig. Sie waren immer Drehscheiben und Ausgangspunkte von gesellschaftlichem und kulturellem Wachstum.
Stattdessen sind unsere persönlichen Treffen immer mehr vom Geld abhängig. Sich einfach irgendwo hinsetzen und reden – außerhalb eines Kaffeehauses oder Restaurants – kommt den Menschen gar nicht mehr in den Sinn.
Die Abhängigkeit vom Geld wird durch solche Alltagsgewohnheiten immer größer. Wir machen den schöpferischen Prozess eines gesellschaftlichen Miteinanders immer mehr vom Geld abhängig. Dabei sollte das Geld der Diener und nicht der Herrscher sein.

Beck: Meistens steht auch das “Fortgehen” im Mittelpunkt und nicht das “Hingehen” – das “Miteinander-Sein”. Es macht einen großen Unterschied, ob ich in der Freizeitgestaltung den Fokus auf die Beziehungsebene lege oder auf den Ort, wo etwas bestimmtes stattfindet wie etwa ein Fest oder eine Ausstellung. Durch Geld können wir an vielen Dingen teilhaben – was auch ganz wunderbar ist – was aber oft verkümmert, ist, die Freude am Miteinander und damit verbunden auch das Miteinander-Schaffen von Dingen. Hier geht es wirklich um die Grundlagen unserer Kultur.

The end of money? Und wie sollen wir in Zukunft unsere Rechnungen bezahlen?

Greco: Wir können neue Systeme des Austausches schaffen – auf der Basis von Vertrauen. Auf diese Art können wir die Gesellschaft von unten ausgehend verändern. Wir können selbstbestimmt auf unser eigenes Wohlergehen und auch auf das Wohlergehen unserer Mitmenschen achten. Es gibt keinen Anlass, den Banken zu erlauben, Geld auf der Grundlage unserer eigenen volkswirtschaftlichen Leistung zu erschaffen und es dann einem drückenden Zinseszins-Mechanismus zu unterwerfen. Banken führen ein Geld- und Kreditmonopol, dessen Druck wir jetzt immer mehr zu spüren bekommen. Aber wir haben vergessen, dieses Monopol zu hinterfragen. Dabei gibt es bereits ein paar bewährte Alternativen: Genossenschaftsbanken wie die Schweizer „Wir“ etwa betreiben seit 1934 Geschäfte ohne Geld: ein erfolgreiches „Credit-Clearing-System“ mit über 6000 Mitgliedern.

Wir brauchen also einfach ein gutes Instrument, das die Balance zwischen Geben und Nehmen in einer Gemeinschaft sicherstellt …

Greco: Ja, und das funktioniert heute schon ganz leicht über das Internet als praktikabler Ort für einen freien und unabhängigen Austausch. Um über das Internet einen eigenen funktionierenden Wirtschaftskreislauf zu errichten, brauchen wir im Grunde nur vier Dinge: Ein Social Network, also eine Gemeinschaft von Menschen, die sich gerne austauschen wollen und gleichzeitig miteinander verbunden sind. Außerdem einen Marktplatz auf dem die Waren und Dienstleistungen ausgetauscht werden können und ein sogenanntes “Credit-Clearing-System”, das wie ein Buchhaltungskonto den Austausch, also das Geben und Nehmen der Menschen, in Balance hält. Und einen wirtschaftlichen Maßstab mit dem sich dieser Austausch bemessen lässt: das kann ein Warenkorb sein, auch eine Arbeitsstunde.
Wichtig ist natürlich immer die gute Gemeinschaft der Menschen, ihr Vertrauen zueinander. Das ganze Geheimnis des Geldes ist ja auch nicht mehr als unser Vertrauen, dass eine bestimmte Währung innerhalb einer Gemeinschaft als Austauschmittel akzeptiert ist. Und so etwas können Gemeinschaften auch eigenständig aufbauen. Jede Gemeinschaft ab einer gewissen Größe kann mit Hilfe des Internet zu einer Wirtschaftsgemeinschaft werden. Die Vertrauensbasis innerhalb einer solchen Community reguliert sich genauso mit Hilfe des Internet – wie etwa bei ebay – nämlich durch die Kommentare und Erfahrungsberichte der User.

Hat die Gesellschaft auf Basis unseres bisherigen Wirtschaftens eine Zukunft?

Beck: Wenn wir weiter so agieren wie bisher, ist die Frage berechtigt, wohin das noch führen mag: Revolution, Krieg, großes Leiden womöglich. Doch ich erachte es als wenig sinnvoll, im Angstzustand ein veraltetes System zu reparieren. Vielmehr die Kraft und der Mut zur Erneuerung führen zu einem liebevollen Handeln. Die Gesellschaft hat längst bewiesen, dass ein Miteinander zu einem besseren Ergebnis für alle auf diesem Planeten führt. Es ist nur dann gut, wenn es für alle gut ist. Heute reisen junge Leute über den ganzen Globus, ohne einen Euro für Hotel und Unterkunft zu bezahlen: einfach über eine Internet-Community organisiert, die auf Basis von Vertrauen und gegenseitiger Gastfreundschaft Menschen auf der ganzen Welt miteinander verbindet. Ich reise in ein fremdes Land und werde dort von einem netten Menschen aufgenommen, lebe mit ihm, lerne seine Freunde, Familie und Kultur kennen – und zwar viel tiefer und persönlicher, als ich mir das mit Geld und schicken Hotels jemals erkaufen könnte. Und das funktioniert, weil Geld durch persönliche Beziehungen ersetzt wird.

Greco: Ja, und wir lernen dabei wieder echte Zusammenarbeit: miteinander Dinge zu tun, Neues zu erschaffen, das für uns selbst und für andere Menschen nützlich ist. Wenn die Menschheit es jetzt schafft, sich von Angst und Druck in der Wirtschaft zu befreien und ihre Wirtschaftswelt zu einem Ort eines freudvollen und lebendigen Miteinanders zu machen, dann steht ihr ein wunderbares Zeitalter bevor.

Danke für das Gespräch.

* Thomas Henry Greco Jr. (Jahrgang 1936, US-Bürger) beschäftigt sich seit Jahrzehnten als Gemeinwesen-Ökonom (community economist) mit der Thematik Alternative Währungssysteme.
Sein aktuelles Buch trägt den Titel „The end of money and the future of civilization“.

www.reinventingmoney.com
http://beyondmoney.net/

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