Babsi’s Treppenlift

Dr. Babsi Brunbauer (1958-2020)

Zwölf Stufen. Es war ein großer Sieg für sie. Jahrelang dauerte der Kampf. Am Ende setzte sie sich durch. Babsi bekam: Einen Treppenlift. Ihren Treppenlift. Niemand in diesem eleganten Zinshaus im siebenten Wiener Bezirk, außer ihr, brauchte so ein hässliches Ungetüm. Zwölf Stufen, welche ihr die Welt verbarrikadierten. Dieser Treppenlift erschloss ihr die Welt, machte den Weg frei zu ihrem geliebten Café Ritter, zu ihren Kunden und Freunden. Er befreite Babsi aus ihrer Abhängigkeit »in’s Freie getragen werden zu müssen«. Dieses Ungetüm brachte sie unabhängig(er) nach Hause, in ihr geliebtes Betterl. Auch dann, wenn ihre ständig wechselnden, persönlichen Assistenzen zart und nicht stark genug waren, sie und ihren Rollstuhl über diese zwölf Stufen zu heben.  Weiterlesen

Laudatio! Ehre wem Ehre gebührt: Goldenes Ehrenzeichen für Prof. Gehmacher.

Prof. Dipl.-Ing. Ernst Gehmacher wurde am 31. Jänner 2020 von Landeshauptmann und Bürgermeister Dr. Michael Ludwig für sein Lebenswerk das »Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien« verliehen. Hier auszugsweise der Text meiner Laudatio:

Professor Ernst Gehmacher wurde 1926 – die Zeit nach dem vernichtenden 1. Weltkrieg – in der Stadt Salzburg, mitten in die Weltwirtschaftskrise – in eine »vaterlose Gesellschaft« hineingeboren. Die Väter dieser Generation waren entweder tot oder körperlich und psychisch schwerst verwundet, die Mütter allein erziehend und überfordert.

Auch Ernst kannte seinen Vater kaum, dieser kam als Alkoholiker aus dem 1. Weltkrieg zurück, persönlich und bald darauf auch wirtschaftlich am Ende. Diese frühen Verlusterfahrungen prägten Ernst sein Leben lang.

Als vierjähriges Kind dann das nächste, stark prägende Erlebnis: Ernst erlebte die, in seinen Kinderaugen, paradiesische Pracht der Stadt Wien – totale anonyme Einsamkeit, paradox gepaart mit großer Hilfsbereitschaft eines einzelnen Menschen!

Den Jugendlichen Ernst trafen zwei weitere, große Prägungen: Die Konfrontation mit Autorität – in Gestalt der Übermacht eines von ihm von Anfang an als tödlich und dumm erkannten nationalsozialistischen Systems und, zweitens, als Gegenpol zu dieser Unmenschlichkeit: Die tiefe Weisheit und Geborgenheit der Natur, der Landwirtschaft. Ernst war anderen »der Vater«, den er selbst nie an seiner Seite hatte. Er hat in beeindruckender Weise sein Leben lang selbst »das« für andere Menschen getan, was ihm verwehrt geblieben ist: Die Liebe und Präsenz, welche er selbst nie erfahren hatte, hat er den Menschen, der Stadt Wien und auch der Republik Österreich großherzig gegeben. Als Berater, Freund, Mentor, Forscher, Lektor, Autor, Journalist, Manager und vierfacher Vater.

Er hat seine schmerzlichen Prägungen ebenso wie seine frühen Erfahrungen von »tiefem persönlichem Glück« in nützliche Fähigkeiten verwandelt: An erster Stelle die »Angst bewusst steuern zu können« – an zweiter Stelle die Fähigkeit, »hoch komplexe (soziale & ökologische) Systeme verstehen, abschätzen und beeinflussen zu können«.

Ernst hat sein Leben lang für die Menschlichkeit gearbeitet, für Lebensglück und für die Stadt Wien als Lebenstraum-Raum. Er hat vier Wiener Bürgermeister beraten, an vielen zentral wichtigen städtischen Großprojekte prägend mitgewirkt und geholfen Bürgerbedürfnisse und Wahlergebnisse besser zu verstehen.

Das alles ist er geworden; aus einer Zeit heraus, wo andere »blind vor Angst und Sehnsucht« den »väterlichen Führer« suchten und leider auch fanden.

Ernst wurde mir als »bedürfnisloser Mensch für den Geld überhaupt keine Rolle spielt« beschrieben. Als einer, der »Eine Alternative Lebens-Kultur entwickelt hat« – aber auch als »unermüdlicher Talentesucher und -förderer«.

Prof. DI Ernst Gehmacher’s Lebenswerk zeigt uns allen, dass es möglich ist »Schwerter und Speerspitzen zu Pflugscharen und Winzermessern zu machen« – und, dass Berufung bedeutet: »Beherzt das zu tun, was ich kann und was gebraucht wird«.

Er behandelt Menschen so, dass sie sich entwicklen, weil sie sich Wohlfühlen, angenommen so wie sie sind. »Es ist gut, wie du bist« und »Liebe ist wichtiger als Geld« – zwei zentrale Maxime seines Lebens.

Ernst Gehmacher vertritt – mit Blick auf die aktuelle, kritische Befindlichkeit der Gesellschaft, folgende 5 Punkte:

1) Wir müssen unsere Konsumkultur in naturnahe Lebensweisen wandeln, in eine radikale Ökokultur.

2) Wir müssen eine neue internationale Sichtweise und Haltung entwickeln;  Kooperation mit Entwicklungsländern statt Ausbeutung. Weiterlesen

Freundschaft.

Das Magische an ihr ist diese bestimmende Klarheit. Kein Raum für Zweifel, wenig Platz für Interpretation. Sie ist eindeutig, sie stellt klar was zu tun ist. Sie übernimmt das Kommando. Weil Sie die „heilige Kraft“ zwischen uns ist, für mich das menschlich stärkst Mögliche. Sie überbrückt Grenzen zwischen Männern und Frauen, sie fragt nicht nach der ausgleichenden Gerechtigkeit.
Geben ist dann keine Frage der Berechnung, der Spekulation auf die Rückzahlung – Geben ist das einzig mögliche Prinzip. So oft wie möglich.

In meinen fünfzig Lebensjahren ist sie der Rote Faden, das Rettungsseil, das Licht am Ende des stockfinsteren Tunnels. Ich habe sie schätzen und zu pflegen gelernt. Am schwersten war es für mich, das Annehmen zu schaffen, mir es auch wert zu sein, wenn sie mir gegenüber tritt. Wenn Sie für mich da ist – einfach so weil sie so ist wie sie ist. Weil Geben und Dasein ihrem Wesen entspricht. Ohne wäre sie keine Echte.

Also rein in den Zug, alles andere abgesagt, mich entschuldigt und umgeplant. Früh raus aus dem Wiener Bett, schnellen Kaffee und das Stiegenhaus flott hinunter. Vier Stunden Richtung Süden, Bahnhof Klagenfurt, Taxi zum Krankenhaus und rein in‘s Zimmer.

Fünf Stunden und unzählige Gefühle, Gedanken, Berührungen und Lacher später sitze ich wieder im Zugabteil. Es ist alles klar, es ist stimmig, es war das einzig Richtige. Eigentlich waren es ja nur ein paar gemeinsame Momente, von der lauten Ferne aus betrachtet: Nichts Besonderes. Aus der nahen Stille heraus geschaut: War es Alles.

Freundschaft.

Mei Bua// 2018// Kreta

Es war der Tag, an dem ich meine Yamaha FZX750 ohne jeden Zweifel im Bazar inserierte. Einen Tag später war sie weg. Ich schaute dem Fremden nach, der mit röhrendem Auspuff die Feuerwehrstrasse einmal runter und einmal rauf raste. Zwei scharfe Schlangenkurven und eine inszenierte Notbremsung später drückte er mir fünftausend Schilling in die Hand, schraubte das Kennzeichen ab und verlud das Nakedbike auf den Anhänger seines Autos.

Es war der Tag, an dem der Ultraschall den schwarz-weiß Umriss eines winzig kleinen Wesens zeigte. Der Tag in meinem Leben, an dem mich dieses Gefühl von „nicht mehr nur für mich verantwortlich sein“ wie eine Infusion in die Adern getroffen hat, unmittelbar, zweifelsfrei, schwergewichtig.

Nicht, dass ich als damals siebenundzwanzigjähriger Baggerverkäufer plötzlich weise und leise geworden wäre. Nicht, dass unsere damals schon sehr aufgeriebene, problematische Beziehung plötzlich geheilt und entspannt gewesen wäre.

Nicht, dass ich auch nur im Ansatz geahnt hätte, was Vater sein bedeutet, was mich erwartet und wie ich es meistern soll. Nicht, dass ich keine Ängste und Enge gespürt hätte, sich kein Gefängnis aus Verantwortung und Ausgeliefertsein in meinen Knochen festsetze.

Doch, es war da: Dieses zweifelsfreie Bewusstsein von Vaterliebe. Seither, ununterbrochen. Immer. Auch jetzt. Hier, dreiundzwanzig Jahre später, gemeinsam zu zweit auf Kreta. Vater und Sohn Reise. Lukas und ich.

Mit 160 km/h an Autokolonnen vorbei rasen, die Grenzen der Schräglagen austesten und dieser immer wieder unverhinderbar passierende Beschläunigungskick, dieser emotionale Cocktail aus Körperdruck und höllischem Maschinenknall in meinen Ohren, diese Vibration in meinem Arsch und den Eiern – das ging sich nun in mir nicht mehr aus.

Also blickte ich fassungslos dem Anhänger mit meiner geliebten FZX hinterher, wusste gar nicht wie mir geschieht. Als ob jemand Anderer mein Bike verkauft hätte, ein fremder Mann, welcher sich mit einem Blitzschlag in mein jugendliches leichtsinniges Selbst gesetzt hätte.

Unser zweites Kind schaffte es nur ein Jahr später nicht, legte sich im Eileiter zur ewigen Ruhe, nicht ohne vorher mit all seiner gesunden Wachstumskraft diesen brutal zu zersprengen. Die mütterliche Bauchdecke voller Blut, die Notoperation rettete das eine Leben, für unser Kind war es vorbei bevor es begann. Anonym entsorgt im Spital, noch bevor ich wusste, dass es eine Eileiterschwangerschaft und kein Blinddarmdurchbruch war. Im Nebel meiner Verdrängung erinnere ich mich an diesen Tag. Lukas konnte gerade gehen, die Spitalstage der Mutter waren unsere erste richtige Vater Sohn Zeit. Es ging leicht, ich fühlte mich stark und sicher – erstmals allein mit Lukas. Hand in Hand gingen wir täglich Richtung Spital los,…

Wieder ein Jahr später – David. Wieder ein Paar Tage Vater Sohn Zeit mit Lukas, allein auf uns gestellt, still verbunden und alles leicht.

Danach: der ganz normale Pampers und Milupa Wahnsinn für mich. Das Haus wurde zur Kinderstube, die Wandfarben Tag für Tag blauer angestrichen, die Böden Tag für Tag mehr von piepsendem Plastikspielzeug, Krabbelhilfen, Kuscheldecken bedeckt, die Stiegenabgänge vergittert, die Steckdosen mit Ikeaplastik unverwendbar gegen die Gefahr tödlicher Stromstöße abgesichert. Meine LP Sammlung und Plattenspieler weit über Augenhöhe verlagert, mein Arbeitsraum zum zweiten Kinderzimmer umgekrempelt.

Das Doppelbett wurde zum Massenbett, die Kinderfüsse im Gesicht, der partnerschaftliche nächtliche Tritt unter der Decke, zu verstehen als unsanfte Aufforderung, das nächtliche Fläschchen nicht zu heiss und nicht zu kalt zu bereiten.

Der Freundeskreis bestand in Null Komma Nichts nur noch aus Eltern mit gleichaltrigen Kindern, die Väter tranken bei den unzähligen Kinderjausen Bier und redeten über ihre super Jobs, die Mütter über Blähungen, nächste Schwangerschaften, über die ihren Ansprüchen niemals gerecht werdenden Krabbelstubentanten. Sie organisierten den Protest der besorgten Mütter und mobbten tatsächlich die neue Leiterin des Kindergartens via Bürgermeisterintervention raus. Niemand konnte es gut genug machen, niemand so gut wie sie selber – wenn sie nicht dauernd selbst arbeiten müssten… Und wir Väter schauten zu, hielten uns raus, beschränkten uns auf Stänkern und „über die Frauen spotten“…

Ich flüchtete mich unreif in Karriere, in Messen und Geschäftsreisen, Affären und Räusche. War stolz darauf, der jüngste Marketing- und Verkaufsleiter der Baumaschinenbranche zu sein und verdiente mehr Geld als heute. Ich gab allerdings auch deutlich mehr aus.

In unvereinbarem Widerspruch stand mein Vatersein mit der Undenkbarkeit, mich einer Lebensform zu unterwerfen, welche ich zu tiefst verabscheute. Meine eigene Unreife und Freiheitssehnsucht stand uns allen im Weg. Die Streiterein wurden lauter, die Räusche täglich, die Traurigkeit tiefer und die Sprachlosigkeit zwischen uns Eltern immer dröhnender.

Ich flüchtete für alle unübersehbar aus der Beziehung. Fand in Psychotherapie und Coaching-Ausbildung das eine oder andere Licht am Ende des Tunnels. Je mehr ich mich selber entdeckte umso mehr verloren wir uns. Lange Zeit erzählte ich an dieser Stelle meine Opferversion, die Geschichte vom armen, schuldlosen Mann, vom Opfer der bösen Frau. Heute ist mir meine damalige Feigheit, Unfähigkeit, Unreife und auch Unentschlossenheit bewusst.

Acht Jahre nachdem die FZX ohne mich davon fuhr, packte ich meine Sachen. Musste ich sie packen, freiwillig wäre anders gewesen. Scheidung. Haus weg. Plötzlich war ich „von den Söhnen getrennt lebender Alimente zahlender Vater“.

Kinder nur alle 2 Wochen an den Wochenenden mit mir, einmal die Woche extra über Nacht. Auch hierzu erzählte ich lange meine Opfergeschichte – heute bin ich meiner Exfrau dankbar. Sie hat alles gegeben – auf ihre Art, ich bekam einen großen Teil meiner Freiheit – auf meine Art.

Sechs mal zog ich in vierzehn Jahren um, immer auf der Suche nach der größt möglichen Nähe zu unseren beiden Söhnen. Traumhafte Vater-Söhne Reisen und Urlaube, Tauch- und Surfkurse, tägliche Telefonate und – bis heute – Platz für unsere Emotionen. Im Gespräch und im Schweigen. Damals schon, heute erst recht.

Gelandet bin ich zuletzt in einer WG mit Lukas und David – die schönsten drei Jahre meines Lebens. Voller Reibung und Nähe, voller Heilung und Freude. Mit meinen Söhnen in diesem Leben doch noch unter einem Dach leben zu können – diesen Traum hatte ich seit der Scheidung geträumt – und diesen Traum hatte ich aufgegeben. Losgelassen. „Lass los und es geht los.“ – wieder mal.

Was mich in den tiefsten Krisen, in der leersten Verlorenheit und weit weg von Lebensfreude immer und immer wieder hier gehalten hatte, war dieses Bewusstsein von „Vater Sein“. Von „Da Sein“, was auch immer ist. In der größten Dunkelheit war dieser goldene Faden da, zwischen unseren Herzen – sogar und erst recht dann, wenn wir uns verloren hatten. Auch diese Phasen gab es.

Was mich heute in einer Tiefe glücklich sein lässt, wie ich sie mir nicht tiefer vorstellen kann, ist die Liebe – so wie ich mich von Lukas und David gesehen fühle. In meinem Wesen, in meinen Schatten, in meiner Berufung. Die beiden – heute erwachsene, gereifte Männer – sind in den Kreis meiner besten Freunde und Ratgeber eingetreten.

Wer mich kennt weiß, welchen hohen Wert „Freundschaft“ für mich hat. Den höchsten. So schließt sich ein Lebenskreis. Sohn und Vater sitzen mit Blick auf’s Meer, schweigen und schreiben nebeneinander…

Mei Bua/ 2006

Ich wünsch dir zu begreifen, warum du am Leben bist. Warum du immer wieder von unten Schwung holen wirst, wie sehr du mir wichtig bist.

Du sollst lieben und sollst lachen, weinen und deinen Atem spüren, verstehen warum’s die Wärme und die Kälte gibt, warum sie versuchen werden, dich zu verführen.

Wünsch dir die höchsten aller Höhen, die Tiefen nur so tief wie du sie brauchst, um immer wieder zu erfahren, dass du an dich glaubst.

Sollst lernen zu vergessen, was gestern wichtig war, frag Löcher in ihre Bäuche, sei dir nie zu früh zu klar.

Du bist mei Bua, mei geliebter Bua – Ich trau dir Alles zu.

Hoff dass du immer glaubst an deinen Zauber, an die Kraft in dir mittendrin. Dass du es dir glaubst wann’s in dir hochkommt, vertraust auf deinen tieferen Sinn.

Wünsch dir, dass du dir immer treu bist, lernst jedem Menschen zu vergeben. Kämpfst für alles wofür es dir wert ist, schreib bitte Bücher übers Leben.

Du bist mei Bua, mei geliebter Bua, Ich trau dir Alles zu.

Mach nur das was dir dein Herz sagt, denk vor und niemals nach. Verschenk soviel wie du du nur geben kannst, trau dich stark sein und auch schwach.

Versuch zu verstehen, was die Liebe mit uns macht. Sei offen und vergnüg dich, es ist dein Herz, dass aus dir lacht.

Du bist mei Bua, mei geliebter Bua, ich trau dir Alles zu.

Auf den Spuren des Nationalsozialismus in Österreich.


Gemeinsam mit einer Gruppe um die Zen Meisterin Anna Gamma begab ich mich auf die Reise. Auf den Spuren der Verbrechen das Nationalsozialismus in Österreich. Warum: Weil hin schauen, hin gehen hilft zu verstehen, unter welchen Bedingungen Menschen zu Horrortaten fähig sind – und was es daraus für unsere Gegenwart und Zukunft zu lernen gibt… Weiterlesen

Kopfkino Madagaskar


Tag 01 | 17.10.2016 | Wien – Istanbul

Gebucht hab ich diese Reise vor dem 15. Juli 2016. Frag mich gerade – während ich in der heißen Sauna sitze – zweifach: erstens – hätte ich auch nach dem Putsch und den darauf folgenden, zigtausenden Verhaftungen den Flug bei Turkish Airways via Istanbul gebucht? Und – zweitens: wieso funktioniert mein iPhone bei 80 Grad Celsius?

Sauna – so kurz vor dem Transfer zum Flughafen, weil ich verkühlt bin. Die vergangenen 48 Stunden waren für mich Schüttelfrost, Heissesieben und Ausschlafen. Dreitausend Taschentücher und Pakemed nicht zu vergessen. Heute Abend fliegen wir ab. Von Wien nach Madagaskar.

Antananarivo heißt die Hauptstadt. Tropisch heiß, leicht europäisch und laut online Warnungen des österreichischen Außenministeriums voller krimineller Gefahren. Bei Dunkelheit nicht raus gehen, bei Überfällen freiwillig Alles her geben, deshalb nur wenige Werte mit sich herum tragen. Wenn schon brutal ausgeraubt werden, dann sparsam. Das leuchtet mir ein. Mit Englisch kommst nicht weit, Gott sei dank hab ich sehr kommunikative Hände und Füße mit.

Dann reisen wir im Inland weiter – in den Norden, in die wilde Natur. In den Dschungel und an die Nordost Meeresküste: Urwald und Korallenriffe, Affen und Wale, Berge und Tiefgänge.

Mein Freund Andy Holzer ist wieder mal für dieses Abenteuer verantwortlich. Er reist jedes Jahr mit Life Earth Reisen – auch weil es ein großes Benefizprojekt ist. Mit dem Reinerlös der Tour werden jedes Jahr dutzende Menschen in der »Dritten Welt« an den Augen operiert – und wieder sehend gemacht. Das ist für den von Geburt an blinden Andy und uns alle natürlich doppelt motivierend. Ein Blinder begeistert etwa zwanzig Menschen zu einer Abenteuerreise, öffnet uns Sehenden dabei die Augen – und wir helfen zugleich, dass viele andere Blinde sehend gemacht werden. Eine typische win-win-win Beziehung.

Roger, den wir ja schon von der Antarktis-Tour kennen, ist wieder dabei. Wir haben uns seither nicht mehr getroffen, freue mich schon. Alle kommen wir heute Nacht in Istanbul zusammen. Dort, in der Stadt, wo wir schon seit einigen Wochen nicht mehr daran denken, was im Juli und den Tagen danach dort passierte.

Unsere Wohlstandsempörung brauste in gewohnter Weise für zwei Wochen hoch, wir pudelten uns auf, posteten gegen Erdogan und die Missachtung der Menschenrechte. Zigtausende hinter Gitter. Frechheit. Mittlerweile trinkt Erdogan mit Putin Chai und Wodka, sie fokussieren ihre Armeen auf gemeinsame Wirtschaftsgegner und feiern die Türkisch-Russische Gaspipeline. Vergessen, die Wickel wegen dem einen Jet. Das waren die Putschisten, also gemeinsame Feinde. Naja. So ist das halt. Flüchtlinge kommen seit Monaten auch kaum noch welche zu uns, die Medien bringen derzeit eher News zu überraschenden Selbstmorden von verhinderten Selbstmordattentätern. Oder über unappetitlich zerfetze Bombenopfer in Aleppo. Oder über frauenverachtend rülpsende, präsidentengeile Testosteronaffen. Also werde ich heute, fast auf den Tag genau drei Monate nach dem Putsch für ein paar Stunden in Istanbul sein. Dort gibt’s sicher gutes Baklava und Chai.

Mein iPhone wechselte natürlich längst in den »Hitzeschutz-Modus« – nach gemeinsamer Abkühlpause im Freien geht’s jetzt wieder. Bevor ich mir einen zweiten, heilsamen Aufguss gebe, poste ich also den ersten Eintrag. Mich reißt die Reise aus der Hauptsaison des Coachings – zuletzt war ich fast täglich in Teambuildings, Workshops und Im Wald. Hab zwei leere Notizbücher mit, wenn’s gelingt wie ich es mir ausmale, werde ich ein paar neue Lieder schreiben…

Freu mich, wenn ihr nach meinen Reisen in die Antarktis und Hongkong diesmal wieder dabei seid – wenn wir für zwei Wochen Madagaskar erkunden. Diesmal hab ich kaum Bilder davon, was uns erwartet. Jedoch steht eines fest: Andy hat wieder seinen Kurzwellenfunk dabei – und ich bin sein Assistent. Unser Ziel: Kommunikation nach Europa. Weltumspannend – aus eigener Kraft.

Tag 02 | Istanbul – Antananarivo

Slavoj Zizek ausgelesen. Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror. Hatte die verbliebenen ungelesenen Seiten überschätzt, knapp vor der Landung in Istanbul bin ich durch.

»Vielleicht ist eine globale Solidarität eine Utopie. Doch wenn wir nichts tun, dann sind wir wirklich verloren – und verdienen es, verloren zu sein« – was für ein Schlusssatz. Ich hasse Slavoj – für seine so rücksichtslos voraussichtliche, staubtrockene Art die Dinge beim Namen zu nennen. In dem Buch plattelt er die egoistische Selbstgefälligkeit der im Sommer 2015 so hilfsemsigen Gutmenschen auf, bohrt er seinen Zeigefinger in unsere kapitalistischen Großbaustellen und prangert die egoistischen Abgrenzer an.

Andrea, die Reiseleiterin, kennt Madagaskar – sie sagt, uns wird tiefe Armut begegnen. Oder umgekehrt: Unser Reichtum wird der tiefen Armut begegnen. Und da ist sie wieder, meine Gewissensfrage: Was ist richtig, was ist falsch? Dschungel anschauen mit Benfizspende statt daheim anpacken und wirklich helfen? Verkehrt die Flüchtlingsrouten Richtung Süden und über den nahen Osten fliegen, Urlaub machen, Geld verbraten. Leben genießen, reinfressen oder Demut üben und verschenken?! Ich kenne diese Sinnfragen. Zuletzt im Flieger nach Hongkong, direkt an Syrien vorbei Richtung Dubai.

Es geht doch genau darum: Das Leben zu leben. Wenn schon so viel Glück, dann genießen. Nehmen ohne zum Arschloch zu mutieren. Herz offen – Hirn ein – Seele fliegen lassen. Dankbarkeit. Sei dankbar und dir wird gegeben.

Um 14:00 Ortszeit werden wir in Antananarivo landen – nach Zwischenstopp auf Mauritius. Politisch auch nicht gerade ein Musterland, erst gestern las ich, dass die Regierung dort die Menschenrechte nicht mehr als verbindlich ansieht. Auf Mauritius war ich schon mal, seither weiß ich, dass Ananas nicht auf Bäumen, sondern wie die Zuckerrüben am Feld wachsen.

Die beiden Osttiroler Andy und Andi drei Reihen schräg hinter mir. Große Freude beim Zusammentreffen. Viele neue Gesichter, Paare ebenso wie Solisten. Noch hab ich mich nicht an die Gruppe angedockt, schwirre wie Sputnik um sie herum. Meine Coach-Berufskrankheit ist immer mit mir – ich kann glaub ich gar nicht mehr »nicht« das Team checken, einfach so in eine Gruppe reindonnern und es genießen. Als Coach mit Leib und Seele bin ich nach so vielen Berufsjahren zu einem Teil immer auch der Außenseiter, der Beobachter. Oder war es umgekehrt? Wurde ich zum Coach, weil ich ein Außenseiter war? Auch. Ja.

Meine Augen fallen zu, bin gedanklich daheim, bei meiner giftigen Thujenhecke, sehe ihre unsympathisch dichten grün stinkenden Äste vor mir. Heute Vormittag schnitt ich ihr das zweite Guckloch horizontal durch den fetten Leib. Aber das ist eine andere Geschichte.

Anflug zur Zwischenlandung. Martin neben mir am Fensterplatz. So ein offenherziger Mann. Waldmensch. Steirer. Ehrlicher geht kaum. Beide lesen wir. Bücher übers Leben. Ich: Siddhartha. Vom Loslösen, Flüchten, Missionieren, Wandern, Krise, Freundschaft. Finden statt Suchen.

»Heiße Träume flackerten aus seinen vergrößerten Augen, an seinen dorrenden Fingern wuchsen lang die Nägel und am Kinn der trockne, struppige Bart. Eisig wurde sein Blick, wenn er Weibern begegnete; sein Mund zuckte Verachtung, wenn er durch eine Stadt mit schön gekleideten Menschen ging. Er sah Händler handeln, Fürsten zur Jagd gehen, Leidtragende ihre Toten beweinen, Huren sich anbieten, Ärzte sich um Kranke mühen, Priester den Tag für die Aussaat bestimmen, Liebende lieben, Mütter ihre Kinder stillen – und alles war nicht den Blick seines Auges wert, alles log, alles stank, alles stank nach Lüge, alles täuschte Sinn und Glück und Schönheit vor, und alles war uneingestandene Verwesung. Bitter schmeckte die Welt. Qual war das Leben. Ein Ziel stand vor Siddhartha, ein einziges: Leer werden, leer von Durst, leer von Wunsch, leer von Traum, leer von Freude und Leid.«

Liest sich, als ob Siddhartha eine dekadente Gruppenreise angetreten hätte, und ihn während des Langstreckenfluges Gewissensbisse gequält hätten. Und – bevor ich das Buch fertig gelesen hab, kenne ich den Ausgang: Dankbarkeit. Ja – zu allem was ist. Friedlich sein. Einfach so – alles ist gut.

Jetzt grad viel Liebe da, Gefühle von Vermissen und Sehnsucht. Zu meinen Söhnen hin, beide im Lebensabschnitt des Losgehens. Sich selbst zu tragen beginnen und das Elternhaus hinter sich lassen. Die Ambivalenz brennt im Vaterherz: Gerne Loslassen versus ewig Binden.

»Schau Ihnen nach, wie sie in’s Leben fliegen, ohne sich umzudrehen nach vorne ziehen« – aus meinem Lied »Einfamilienhaus«.

Immer wieder magisch, wie die Entfernung von der gewohnten Heimat und der Familie unmittelbar mein Bewusstsein, meine Dankbarkeit schärft. Wie sich meine daheim teils erstarrten Gefühle melden, befreien – und laut aufschreien: Unsere gemeinsame Zeit ist so kostbar! Jeder Moment zählt. Jeder Tag mehr am Leben ist immer auch ein Tag weniger zu leben.

Siddhartha hat sich mittlerweile von seinem Freund Govinda und von Gotama verabschiedet, erkennt den Meister in sich selbst und sieht pur, was er zuvor bloß bewertet hatte. Die Schönheit der Welt, in Millionen Details.

»Kein Gastgeschenk habe ich dir zu geben, Lieber, und keinen Lohn zu geben. Ein Heimatloser bin ich.« – »Ich habe nichts erwartet. Du wirst mir das Geschenk ein anderes Mal geben. Alles kommt wieder. Auch du wirst wieder kommen! Möge deine Freundschaft mein Lohn sein.« – sagt der Fährmann zu Siddhartha.

Tag 03 | Antananarivo


Seit der politischen Krise 2009 haben unzählig viele Menschen hier ihre Arbeit verloren. Bis dahin dominierte die Textilindustrie in Madagaskar, ein Großteil der Fabriken wurden seither geschlossen. Wenn hier Konzerne nach wie vor ihre Fetzen nähen lassen, dann nur im Rahmen der steuerfreien Freihandelszone. In den Großfirmen verdienst du bis zu 200 Euro, in Kleinbetrieben oft nur 40 Euro im Monat. Für das soziale Wohl der Menschen hier dringend Not-wendige Steuern kommen somit nie hier an, da, wo sie so dringend für Bildung, Infrastruktur und sozialen Frieden gebraucht werden.

Die Perversion der Globalisierung: Hier in Madagaskar kannst du die – in große Ballen gepressten – gebrauchten Textilien aus Europa kaufen. Schuhe, Tshirts, Jeans,… Humana, Caritas und sonstige caritativ anmutende, europäische Kleidungsspendeboxen sind ein knallhartes Geschäftsmodell. Wer den Film »The true cost« gesehen hat, weiss es längst. Die Einwohner tragen nicht mehr stolz ihre eigenen Produkte, sondern unsere secondhand Adidas und H&M »fast fashion Fetzen«.

Arbeitslose säumen die Straßenränder, versuchen sich mit billigen chinesischen Klumpertwaren ihr Leben zu verdienen. Die Stimmung des Volks beschreibt unser Reiseleiter Nessi mit »frustriert«.

Wenn es ein komprimiertes Beispiel für Ausbeutung gibt, dann hier. Madagaskar ist ein Land voller innerem Reichtum. War, muss ich mittlerweile sagen. Bodenschätze, Edelsteine, Regenwald, Meerestiere, Erdöl, Artenvielfalt und Landwirtschaft. Seit langem zieht die westliche Welt hier ab – nimmt und nimmt und nimmt. Was zuletzt Engländer und Franzosen, machen jetzt die Chinesen. Wer über bleibt: das Volk.

50 Prozent der Bevölkerung sind Jugendliche unter 15 Jahren. Was für eine gesunde Kraft. Da werde ich als Mitglied des auf eine Geburtenrate von nur noch 1,4 degenerierten Europas neidisch. Unter 2 bedeutet, dass »wir« in der Zeit über wenige Generationen verschwinden – wobei die Antwort auf die Frage »wer sind wir und wer die anderen?« offen bleibt.

Babies an allen Orten, Kleinkinder krabbeln bei den Füßen der Mütter, während diese am Straßenrand Bananen und andere selbst gekochte Lebensmittel anbieten. Mütter tragen ihre Töchter und Söhne durch die Straßen. Ich empfinde, dass die Menschen hier schon »Glück« ausstrahlen. Es sind die Augen. Viel Feuer, viel Liebe, viel Menschlichkeit.

»Wie ist das für das Kind, hier geboren zu sein? Welche Lebensgeschichte beginnt da jetzt gerade?« – fragt mich Andy, während wir neben dem kleinen Strassenhospital im Schatten stehen, gleich neben dem offenen Fenster des Behandlungsraumes. »Was wird dieses Menschenkind in dreißig Jahren sein, was sagen, was fühlen, wie leben« – Meine Antwort: Schweigen.

Diesen Moment streckt mir ein Strassenkind seine Hände voll chinesischer Sonnenbrillen ans Busfenster entgegen. Umringt von einem Dutzend weitereren, Erwachsenen und sehr jungen. Ist das die Antwort auf Andys Frage? Anstatt das Fenster zu öffnen, halt ich die Kamera hin und drücke ab. Ein Bettler kommt dazu, hält seine schwarze Schirmkappe hin. Martin steigt in die Verhandlungen ein, dank Stau bleibt genug Zeit um ins Geschäft zu kommen. 10.000 statt 60.000 – also 3 Euro. Für die chinesische Sportbrille.

Und da läuft sie. Bloßfüßig neben dem Bus. Strahlt mich mit ihren großen weißen Augen an, ruft immer wieder das Selbe. Ich verstehe kein Wort – doch ich weiß was sie will. Ihre dunklen Haare seitlich liebevoll geflochten, ein strahlend bittend fröhliches Gesicht, geschätzte fünf Jahre jung. Ich greif in die Tasche, zieh einen Schein und drück ihn ihr wie einer Kollegin beim Staffellauf in die Hand. Sie packt zu, bleibt stehen, starrt auf die Note, reißt den Mund auf, blickt links und rechts um sich. Der Bus beschleunigt, wir schauen tief in die Augen und winken uns. Gänsehaut und Knödel im Hals.

Mittagshitze. Königspalast. Nessie in seinem Element: Die Madagassen und ihre Naturreligionen. Glauben an die Ahnen und an den Gott der Schöpfung. Bis die Christen kamen. Dann war’s mal Schluss mit Urverbundenheit und Mystik. Die Gräber liegen nach wie vor immer an einem höheren Platz, an der Oberfläche. Nach dem Tod kommt das ewige Leben – es findet statt in dem Raum zwischen Gott und den Lebenden. Die Toten vermitteln zwischen dem Hier und dem Dort. Also wiederum sehr nah an dem Christentum. Die Madagassen leben sehr geschickt zugleich mit beiden Glaubenswelten. Sie heiraten zwar kirchlich, den Termin für die Hochzeit lassen Sie sich jedoch vom astrologischen Heiler voraussagen.

Die Könige und deren Orte sind heilig, weil die Madagassen an die Kraft der Natur glauben. An Orte, Böden und Pflanzen. Es gibt heilige Pflanzen. Bei den Bäumen werden die Ahnen besucht, man bringt Kerzen, Bonbons und ein Opfertier mit.

Der letzte, wirklich mächtige König regierte im 19. Jahrhundert und heiratetete zwölf Frauen, jeweils Töchter der Inselfürsten. Und so schaffte er es, die ganze Insel friedlich zu einen. Deshalb spricht man noch heute von den zwölf heiligen Hügel. »Der König der im Herzen von den Merina bleibt« – so wird er bis heute genannt.

»Leben die Madegassen monogam«? – frag ich Nessie. »Kommt darauf an.« Sagt er. »Gesellschaftlich ist Polygamie im Süden üblich. Wenn der Mann es sich leisten kann. Im Bergland nicht. Dafür sind es im Norden der Insel immer wieder die Frauen, die das Geld heim bringen.« »Ist es also nur eine Frage des Geldes!?« – frag ich leicht verwirrt. »Ja.« – sagt Nessie trocken.

Dass im Unesco Weltkulturerbe Königspalast Fotografie wirklich verboten ist, wissen wir jetzt auch, die kleine zart gebaute einheimische Ordnerin gab uns eine Ahnung davon, was madagassisches Temperament bedeuten kann. Aber das ist eine andere Geschichte.

15:32. Hunger. Groß. Unser Mittag- wird wohl ein Abendessen werden. Willkommen in Madagaskar.

Tag 04 | Reise in den Regenwald.

Früh los. Rein in den Bus. Stau. Einspurige Straße zum Flughafen. Check in. Flug eins. Landung. Warten. Flug zwei. Warten. Im Nordosten Madagaskars, nahe der Küste. Kleinbus. Rein in die zwei Motorboote. Und dann: Zwei Stunden voller Seegang. Zwei bis drei Meter hohe Wellen. Klitschnass. Richtung Südost. Andy weiß Dank seinem Ohr am Handy immer wo wir sind, wohin wir uns bewegen. Einer kotzt. Motor stottert. Kurzer stop. Wieder volles Rohr. Der Küste entlang.

Und dann. Wie aus dem Nichts der Regenwald. Tiefgrün, tiefgründig. »Wie ein überdimensionales Mooskissen musst du dir das vorstellen!« – rufe ich Andy zu. »Feucht, saftig, dunkelgrün! Weisse Vogelschwärme hocken auf den Bäumen. Dünner Sandstreifen zwischen Meer und Wald, dann geht’s gleich steil nach oben. Wald. Ähnlich wie bei uns. Doch hängen hier auch von oben aus den Baumwipfeln üppig Gewächse nach unten.«

Andy checkt die GPS Koordinaten, sagt mir in welcher Richtung Europa liegt. Immer wieder bäumt sich das kleine Boot, angetrieben von zwei Yamaha Außenbordmotoren, über die Wellen auf, steht kurz wie still in der Luft – um unmittelbar danach mit voller Wucht auf die Meeresoberfläche zu donnern. Halbe Sekunde danach: Die brutale Wasserfläche. Klatscht mir lauwarm und hart auf den Rücken, auf den Hinterkopf. Alles nass. Neben mir der junge madagassische Mann, ebenso wie ich bloßfüßig. Gleiche kurze Frisur wie ich. Immer wieder schau ich lange auf den Bootsboden, seine dunklen und meine hellen Füße nackt nebeneinander. Pur und der Urgewalt des Indischen Ozeans ausgesetzt, gleichwertig, im selben Boot sitzend. Ich vergleiche unsere Zehen. Und spür etwas wärmendes in mir.

Diese Bucht. Angekommen. Endlich. Durchnässt und kalt ist mir. Pinkeln muss ich. Freundlich empfangen, Fruchtsaft und Handtücher. Gepäckträger. Dem dunklen Bloßfüßigen herzliches »Tschau« zurufen. Mitten in der Wildnis. Nur in wirklich schlechten Filmen gibt’s so einen Schnitt: aus der wilden Gefahr und Überlebenskampf direkt ins Happy End. Alles gut, die Welt ist sanft, alles ist organisiert und dein Albtraum ist vorbei. Szenenwechsel. Die Streicher setzen ein. Gänsehaut und feuchte Augen. So war’s. Genau so. Luxus Paradies dort, wo du ekeligen shitpit, dreckiges Schlaflager und bedrohliche Wildnis erwartet, nein – erhofft – hattest.

»So müssen sich die Flüchtlinge fühlen, wenn dann die Wellen auch im Mittelmeer so hoch kommen…« – das ist für mich der Satz des Abends – bevor ich verstumme. Gut gemeint – und mitten aus dem überversicherten Wohlstandsleben. Nein. So fühlen sich Flüchtlinge nicht, kurz bevor sie zwischen der Türkei und Griechenland ersaufen. Oder vor Italien, oder sonst wo – am Weg in die erhoffte Lebenslösung. So nicht. Sie haben keine europäischen Reisepässe in ihren nassen, sauteuren Trekkinghosen, auch lagern ihrer Rucksäcke nicht in der Drybox, auch servisieren keine drei Männer das Boot, auch treiben das Boot keine gewarteten 240PS Yamahas an, auch sind deren Rettungswesen nicht so stabil wie unsere… auch lautet das Ziel der Überfahrt nicht Dreigängemenü, sieben Rumsorten, Photovoltaik Anlage und Moskitonetz-Luxusbungalow 14 Meter neben dem Traumstrand.

Andy funkt. Erste Signale aus Amerika und Serbien. Zu dritt haben wir noch vor dem Abendessen den Mast montiert, die Kabel verlegt, den Strom vernetzt. Immer wieder eine Faszination, wenn es ihm gelingt, mit kaum Technik, jedoch mit komplexen Verständnis in die ganze Welt zu funken…

Siddhartha ist fast ausgelesen, wieder mal das genau richtige Buch zur Reise eingepackt. Hinter mir lassen, was meine Seele blockiert, was mich stumpf und satt macht. Fasten, Warten, Denken. Das sind die drei Reichtümer Siddhartha’s. Frei sein vom Leiden, wenn’s mal knapp wird – um sich die Entscheidungsfreiheit zu bewahren. Fasten, um dem Hunger nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Warten, weil alles seine Zeit hat. Und Denken, damit die Klugheit lenkt.

Das Unerwartete des Abends – hier gibt’s WLAN. Über’s Mobilnetz. So ist die Welt vernetzt. Wir schaffen alles. Verbinden uns aus dem Regenwald Madagaskars just in time mit Europa.

Alle in ihren Hütten. Ich allein direkt am Meer. Kühl ist mir. In den weißen Zehen. Whatsapp geschrieben mit meiner Freundin in Wien. Vermiss sie. Bin ihrer halben Heimat gerade sehr nah – und spür diese Sehnsucht mit ihr gemeinsam durch Indien zu reisen. Bald. Blick auf den Ozean. Den indischen. Morgen früh: Auf in den Regenwald.

Tag 05 | Lodge im Regenwald


Südamerika, Nordamerika, Europa und USA. Über 300 Gespräche hat Andy bis Mitternacht geführt. Oben, in dem auf Holzstelzen schwebenden Bungalow. Vor dreißig Jahren saß Andy allein in seinem Zimmer, hatte keine Aussicht auf die Welt, er war aussichtslos.

In dem Dreihundertseelendorf Amlach, tief drin in den Bergen Osttirols. Besenbinder zu werden, das war die von der Gesellschaft vorgegebene Lebensaufgabe für blinde Kinder. Größer zu denken war nicht. »Soll froh sein, dass er lebt.«

Und er begann zu funken. Kurzwelle: ein Stück Draht, eine lange Stange, ein Funkgerät und ein wenig Gleichstrom. Mehr brauchst du nicht, um mit Menschen auf der Ganzen Welt – welche genau das Selbe tun – in Kontakt zu sein. Andy erkundete jeden, ja jeden, Winkel der Welt. Sammelte stapelweise Ansichtskarten von den erreichten Stationen, bereiste innerlich den Planeten wie kein Zweiter. Undenkbar, unvorstellbar es an diese Orte jemals selbst zu schaffen. Die Funker auf den fremden Kontinenten waren seinen Traumfänger, seine Augen, seine Füße. Sie erzählten ihm, er malte sich diese phantasievollen Bilder im Kopf. Andy reiste über sein Drahtstück weiter, bis diese Binder in ihm eine unverhinderbare Sehnsucht entfalteten.

Andy begann zu realisieren, was in seinen Phantasien schon längst Realität war: er begann zu klettern, zu reisen. Auf alle Kontinente, auf die höchsten Berge. Aus eigener Kraft. In diesem Moment ist Andy für hunderte das Augenpaar, beschreibt phantasievoll aus Madagaskar, lässt die Menschen in ihren vielleicht einsamen Zimmern die Welt erleben. Kopfkino aus Regionen, für die, welche es sich nicht zutrauen zu reisen. Andy gibt zurück, was ihm hunderte, tausende andere Funker vor dreißig Jahren geschenkt haben. Weltbilder.

Wir beide bleiben heute in der Lodge, ich schreibe, Andy funkt. Alle anderen spazieren mit Guide durch den Regenwald. Mir geht’s vielleicht ähnlich wie Andy – ich bin hier, sitze unter Dach im Schatten, höre den Ozean, die Tierstimmen. Den Regenwald. Ich erlebe das alles, ohne es sehen zu wollen. Ich will Ruhe. Verarbeiten. So viele Eindrücke: Diese Armut. Diese vielen Menschen auf den Straßen. Dieser Dreck in den Rinnsalen. Diese Schlaglöcher in den Straßen. Dieses unfaire Gefälle, diese schiefe Ebene vom Westen »hinunter« nach Afrika. Ich hab so viele Bilder im Kopf. So viele Gedanken. Filme. Offene Fragen.

Will ich Madagaskar wirklich erleben, indem ich kolonial herrschaftlich in einer noblen Lodge residiere, bedient und verwöhnt von Einheimischen? Will ich in eine europäische, saubere Klomuschel scheissen, mitten im Dschungel!? Mir die Zähne mit Fließwasser putzen, gasbeheiztes Warmwasser aus der Dusche? Ich sehne mich – wirklich – nach diesem dreckigen, öffentlichen Scheisshaus in Antananarivo. Voller Lebendigkeit und Ehrlichkeit.

Natürlich ist es fein hier. Natürlich darf ich es genießen, muss es vielleicht sogar lernen zu genießen, dass es mir so gut geht. Gesund, wohlhabend, sicher und gebildet. Haus und Garten. Das Gute Leben. Das sehr gute Leben. Vielleicht ist es sogar unsere Pflicht, diese Geschenke der Schöpfung anzunehmen. So wie es unsere Pflicht ist, zu geben. Den Wohlstand zu teilen. Zu geben. Arbeitsplätze zu schaffen ohne auszubeuten. Ich will nur für mich sprechen. Meine Lebensphase will etwas anderes von mir. Werde immer ruhiger, stiller. Weniger. Konsumation macht mich traurig. Weniger zu besitzen glücklich. Das alles mit sehr voller Hose gesagt, mit welcher bekanntlich gut stinken ist.

Den Frieden und die Fülle aushalten. Ertragen, was fertig ist. Annehmen und freuen. Auch wenn andere es nicht so erleben können. Nicht anmaßen zu wissen, wie es anderen in ihrem Lebensweg wirklich geht. Gar nicht so einfach.

Ich kenne den Trieb, Funktionierendes als langweilig zu verachten – zu zerstören was zu vollkommen ist. Damit ich wieder etwas zu tun habe. Meine Unruhe wieder die Führung übernimmt. Obergescheit Dankbarkeit und Demut zu predigen ist einfach, in Dankbarkeit und Demut zu leben eine Königsdisziplin.

Tag 06 | einsame Insel. Kap Masoala.

Hängematte. Korallenriff. Kokospalmen. Zeltlager. Liebevoll für uns gerichtet. Die scharfen Korallensplitter und Lavagestein, aus welchen sich die winzige Insel über tausende Jahre selbst geformt hat: liebevoll mit weichem weißen Sand bedeckt, Wege für uns aufgeschüttet. Sandkorb für Sandkorb die acht Zelte miteinander barfussfreundlich verbunden, ein Essenzelt aufgebaut und zwei lange Tische mit den Holzbooten hier her geführt. Nicht überraschend, dass die Reise wieder mal ganz anders ist als erwartet. Den Regenwald kenne ich bisher von der Küste aus, die Einheimischen vor allem durch’s Busfenster.

Ich lerne die Crew kennen, welche unseren Ausflug Tag und Nacht zur verwöhnten Traumreise macht. So viel Lachen, so viel Präsenz, so viel Aufmerksamkeit. Der Bootsmaschinist mit den schönen, schwarzen Füßen war heute während der Überfahrt auch wieder ständig in meiner Nähe. Hab ihm heute zeitig in der Früh zum ersten Mal tief ins von der Gischt nasse Gesicht geschaut, habe wissen wollen, sehen wollen, wie alt er in etwa ist. Und da sah ich Lukas, meinen zwanzigjährigen Sohn in seinem Gesicht. Die selbe Lebensfreude, das selbe Strahlen, die selbe Gutmütigkeit. Und dieses breite Lachen, dieses »Grinsen« im besten Sinne.

»Gerhard, bitte mach ein Foto von uns!« – schrie ich übers dröhnende Motorboot. Fragte ihn um Erlaubnis, stellte mich neben ihn hin und grinste ebenso breit. Unverhinderbar. Es war keines dieser Fotos ala »Europäer will Erinnerung mit schwarzem Mann.«, nein. Es war mir wichtig. Es war eine Geste des Respekts und Dankes ihm gegenüber. Vergleichbar mit den Fotos, die Konzertgäste nach dem Auftritt mit mir wollen. Er „dient“ in einer Art und weise durch seine Arbeit, seine Gegenwärtigkeit, er ist mir Vorbild.

Siddhartha ausgelesen. In mir ratterte bei jedem Kapitel der innere Film. Erkannte meine Lebensphasen im beschrieben Weg, ich erschrak über die Anzahl meiner bisherigen Lebensstationen. Alt fühle ich mich, alt, weil so vieles nur durch eine lange Zeitreise passieren konnte.

Alle bis auf eines sind geschrieben.
Ich drehe mich um und ziehe weiter. Mit meiner Gitarre im Gepäck. Ich warte nicht mehr. Nicht mehr darauf, entdeckt zu werden. Die Zeit ist vorbei. Nicht als beleidigte Leberwurst, sondern gereift, dankbar und glücklich, das alles erlebt zu haben, ziehe ich weiter. Ich warte nicht mehr. Mein Traum hat sich übererfüllt, ich habe Konzerte, Gefühle und Momente erlebt, an die ich für dieses Leben nicht mehr glaubte.

Ich bin geflogen. Ich habe gelernt. Ich habe gerockt, gespuckt und gebrüllt. Ich habe geflüstert, geweint und gefragt. Ich hatte Kontakt mit jener Kraft in mir, mit jener Wirkung, von der ich seit meiner jüngsten Kindheit weiß. Diese Berufung, die so still, tosend und heimlich ist, dass ich sie durch Wollen nicht aus mir heraus bekommen kann. Ein paar hundert Menschen um mich herum wissen es, ich selbst weiß es. Ich habe erlebt, dass es möglich ist. Jetzt kann ich’s mir endlich selber glauben.

Meine Lieder sind da, in der Welt, auf der Welt. Eines noch, dann ist das Werk vollbracht. Ein zweites Lied, nämlich das für meine Mutter, ist auch längst fertig, ich bemerkte es vor lauter Lärm bloß nicht. Es ist eines meiner schönsten Lieder überhaupt, gehört kann es nur werden wenn du vollkommen still bist. Auch das hat mir der indische Ozean heute erklärt.

Frei für neue Formen meiner Kunst, meiner Berufung, da donnert so vieles in mir. Klopft an und freut sich, dass endlich Landeplatz frei wird. Es ist nicht länger meine Sorge, ob meine Musik über den konventionellen Weg zu den Leuten fliesst oder nicht. Es ist nicht meine Verantwortung, dass andere bereit sind mir zuzuhören. Ich schreibe, ich singe, ich komme wenn ich gerufen werde.

Aushalten, dass Wurzeln Zeit und Nahrung brauchen, dass Wurzeln unter der Oberfläche in der totalen Dunkelheit leben und wachsen. Dass Wurzeln nicht gesehen werden, von denen die nur mit den Augen schauen und die sichtbaren Bilder bewerten. Dass Wurzeln sichtbar sind, für alle, die mit dem Herzen schauen. Für jenene, die Zeit nicht überbewerten und nicht Festhalten am Augenblick. Die aufgehört haben zu messen und zu bewerten, weil sie wieder wie ein Kind sehen was sein kann, statt was ist. Weil sie in der Welt der Phantasie zu Hause sind.

Das zu erkennen musste ich nach Madagaskar in die Hängematte, Blick aufs Korallenriff, still Warten und Denken.

Tag 07 | krank


Gestern Abend schon. Kopfschmerzen. Dumpf. Nase zu. Husten sticht in der Brust. Zeitig ins Zelt. Schlecht geschlafen, viel geträumt.

»Sie kommen mich besuchen, doch ich bin nicht in der Hütte.« – mit diesem Satz fahr ich mitten in der Nacht im Zelt auf. Um dann nur mühsam wieder einzuschlafen. Nächster Traum: Ich spiele ein Konzert, großes Orchester: Streicher, Chor, eine Bigband. Wir spielen das erste Lied, ich komme erst später auf die Bühne dazu. Gehe nach vorne zum Publikum – und: Stille. Wir sind nicht zu hören. Die Anlage war nicht an. Kein Ton kam rüber. Ich spring auf einen der Tische. Entschuldigte mich – und sage, dass wir gleich nochmals beginnen. Doch die Leute gehen. Ich lauf auf einen ganz großen Mann zu, stellte mich vor ihm hin und versuchte ihm einen Kinnhaken zu verpassen. Spring mit ganzer Kraft in die Höhe, schwing meinen rechten Arm mit der zu Faust geballten Hand – und schlag mehrmals ins Leere. Fühlte mich mutig und stark, jedoch chancenlos. Dann wieder mühsames Einschlafen. Wach werden mit der Erkenntnis, dass die Madagassen hier auf der Insel die wahren Meister sind, nicht wir, nicht ich, nicht Andy. Wie sie dienen, wie sie – ähnlich dem Fährmann Siddharthas – ihre Arbeit tun, still da sind und auf uns wirken.

Raus ans Meer, in die Finsternis, pinkeln. Wieder rein ins Zelt, Gedanken: »Du erkennst den Meister nicht an der Anzahl seiner Schüler, sondern an der Anzahl der Meister die er hervorgebracht hat.« – hellwach und mit stechendem Husten, leichtem Fieber schwitze ich im Schlafsack. Verbinde diese Traumgedanken mit der Realität unserer Reise, der Reisegruppe.

Andy ist für uns Meister. Er ist es, der diese Gruppe zusammen geholt hat. Er ist es, in deren Nähe wir beim Essen am Tisch sitzen wollen, er ist es. Er, dieses menschliche Wunder. Es bleibt für uns unnachvollziehbar, auch wenn wir dutzendfach nachgefragt, beobachtet und erzählt bekommen haben, wie Andy sein blindes Leben lebt. Ich empfinde es als Privileg, ihm nah sein zu dürfen – und vielleicht ist genau das ein Gedankenfehler.

»

Triffst du Buddha unterwegs, töte ihn Weiterlesen

Menschenrechte, Menschenleben, Freude.


Der Tag danach. Irre heute unklar umher. Traurig und dann wieder staunend, gefasst. Ich kenne das – nach intensiven hohen Erlebnissen kommt das Tief. Das Nachdenken, Nachfühlen, Realisieren.

Gestern Donauinselfest, mein Auftritt auf der Bühne „Insel der Menschenrechte“. In der Früh munter geworden, mit den Nachrichten zum Ausgang des britischen Votums, zeitig in den Wald, dann Fahrstunde mit Sohn David. Programm proben – und durch die glühende Hitze der Stadt auf zur Insel.
Pünktlich rauf auf die Bühne, dem Bühnenmotto Tribut zollend mit „Der Schrei“ begonnen – dem Lied, welches mir während dem vorletzten Gazakrieg eingeschossen ist. 

Zerfetze Menschen ohne Namen, alle san ma aus dem selben Samen.

Erstmals in reduziertester Besetzung, Keyboards und akustische Gitarre. Kein Schlagzeug, kein Bass, keine Einspieler. Zornig zärtlich. Ich fühlte mich so verletzlich wie noch nie bei einem Konzert – die Tschinnbumm-Musik vom benachbarten Kebabstand war während der stillen Passagen für mich verwirrend laut, die zum Festival strömenden Menschenmassen riesig. Diese für Openairs so typische Unruhe, die Bewegung der Masse, das Kommen und Gehen. Nichts ist Fix. Kaum Anhaltepunkte. Der Platz füllte sich, die ZuHörer wurden mehr und mehr, der Applaus glaubwürdig fest. Ich erkenne Vertraute in der anonymen Masse, halte mich an ihnen an und finde mich: Schaut’s hin. 

Wohin geht die Angst, wenn wir sie verdrängen? Was passiert mit der Wut, wenn wir sie nicht benennen?

Seit Jahren singe ich das Lied, bei jedem Konzert. Aktuell wie eh und je. Leise kommt es noch viel kräftiger. Viel zorniger.

Plötzlich: Feuerwehrauto, knallrot und Sirene voll im Durchlauf. Fährt mit hohem Tempo rechts der Bühne vorbei, umrundet den Platz, weiter zum links von mir gelegenen Ufer der Neuen Donau. So laut, dass ich das Singen unterbreche und wir instrumental abwarten. Sirene ab. 

Erste Schaulustige rennen los, immer mehr Leute hetzen in Richtung Uferböschung. Das Publikum teilt sich – in still mir Zuhörende und flüchtende Schaulustige. Die SPÖ Stadträtin Renate Brauner posiert mit einer Gruppe Jungsozialisten direkt vor der Bühne. Ihr knalliges Kleid fasziniert mich. Will mich auf meine Bühnenarbeit konzentrieren. Fällt mir schwer. Fange mich wieder. Applaus. Links und rechts schauen. Bernie und Flo anrufen. „Gut läuft’s.“ sagen. 

Ich spiele mein neues, so stilles Lied „Die Stadt“. Fällt mir schwer die Konzentration zu halten. Fokussiere meinen Blick so weit es geht auf’s Publikum. Meine Aufmerksamkeit zieht’s aber unweigerlich zum Ufer. Polizei ist da, zwei Rettungswägen mit Sirene und Blaulicht. Polizisten riegeln den Ort ab, mehr und mehr Schaulustige strömen nach links. 

Die Stadt ist heute voller Leben, jeder Blick a Konsequenz. Weiterlesen

Die wirklich coolen Typen umarmen Flüchtlinge.

Ambivalenz ist das treffende Wort für das aktuelle Gefühlswirrwarr. Was ist richtig was ist falsch, wer hat recht, was ist fair? Was sagt das Hirn was der Bauch und was das Herz  – und vor allem: was sagt die Partei, die Ideologie – und was der Freundeskreis? Vertrauen und Mut versus Angst und Feigheit.

Unsere vielen vielen Regeln entlasten uns von der Verantwortung, wirklich in Beziehung zu gehen, wirklich zu vertrauen. Wer will tauschen, mit dem Flüchtling samt Sitzplatz im Zug? Dem Sitzplatz, den er mir gerade wegnimmt, auf meiner seit Wochen geplanten Geschäftsreise. Ich beschreibe provokant, was auch in mir ist – und was meine Ängste mir raten: Ich hätte gerne wieder mehr Ordnung und Kontrolle – damit ich mich wieder beruhigen kann. Ich glaube, dass wir in diesen Tagen viel lernen, viel Herzensbildung passiert – jedoch nicht bei allen. Es passiert auch das Gegenteil: Herzensverhärtung. Rollladen zu, Schoten dicht. Abwehr, nein und raus. Alles soll sofort wieder so werden wie es e niemals war.

Es geht um die Balance: wie wenig Regeln und Ordnung halten wir – im Verhältnis zu unserer Vertrauens- und Beziehungsfähigkeit aus, ohne in die Panik zu kippen. Jeder für sich individuell anders austariert, ebenso kollektiv miteinander als Menschenschwarm verbunden: wieviel Chaos verträgt die wiener, die österreichische, die europäische und die Welt Gesellschaft, die Kultur? Wieviele Regeln und Struktur, Überblick glauben wir zu brauchen? Und woher wissen wir das?  Das ist ein dynamischer Prozess. Kein statischer. Da ändert sich täglich vieles in uns, wir lernen.

Vertrauen entsteht durch erlebte „Nicht – Enttäuschung“ – Misstrauen nährt sich eben umgekehrt aus erlebten Enttäuschungen. Primär subjektiv, da spielt nur wenig Logik mit. Und besonders wenn die Situation hoch komplex und nicht mehr begreifbar ist – so wie das aktuelle Massenphänomen – neigen wir zur Vereinfachung und Verallgemeinerung und hängen unsere Gefühle und Meinungsbildung an Einzelerlebnissen auf. So wie ich mich vorgestern am Bild des mit Victory Zeichen am Polizisten vorbeigehenden Mannes.

Herzensbildung, Mutproben, Berührung mit dem Fremden und Erlebnisse von Freude und Nichtenttäuschung helfen uns allen – jetzt. Aber auch die Erlebnisse von Enttäuschung helfen – denn Weiterentwickeln, eigene Grenzen und Erwartungen loszulassen, zu lernen ist kein Fehler – sondern eine Riesen Chance für uns alle. Auch aus rein egoistischer Sicht: Geht es doch darum, glücklich zu sein, seine Angst vor dem Unbekannten in Freude auf das Zukünftige, kribbelnd Neue zu verwandeln. Wer wirklich cool und leiwand sein will, kann sich jetzt beweisen: Als mutig, berührungsfähig und führungsstark. Wir sind mitten drin im Chaos – also wird Vertrauen und Beziehungsmut statt Regeln und Geld zur neuen Hauptwährung. Alles in die größte Kraft, ein Leben für die Leidenschaft. Wenn es einfach wäre, könnten es ja die Anderen machen! Österreich ist frei und fähig – genau dazu. Gerühmt, geprüft, geliebt.

#refugeeswelcome #business4refugees #Sozialkapital