Zwölf

12 Stundentag – am Meer, Sonnenbrand, ein ganzes Buch ausgelesen. Eine einzige Pause ist das hier, dieser Urlaub. Zeit für Notizen, ein neues Gedicht, kurzes Nickerchen, ein Bier, ein Kaffee. Griechischen Salat, auf‘s Meer starren, den Platz wechseln. 12 Stunden lang, ganz schön anstrengend.

Ambivalenz in mir, wenn ich die empörten Arbeitnehmerproteste zum 12 Stunden Tag zuletzt beobachtete. Verstummt war ich bisher dazu, nicht Fisch nicht Fleisch in meiner Meinung. Ausbeutung: Nein. Arbeitnehmer Opferhaltung: auch Nein. Böse Unternehmer: Nein!

Als Beamtensohn in den 70ern und 80ern im Arbeiterbezirk Wien Favoriten sozialisiert habe ich das „Feindbild Arbeitgeber“ schon mit der – knappen, aber doch – Muttermilch verabreicht bekommen, um nicht „Vatermilch“ zu sagen. Wir hier Unten die Kleinen – dort Oben die Großen.

Man „muss“ arbeiten gehen, hat „Anspruch“ auf Urlaub, klaut ab und zu ein wenig Büromaterial für daheim, sucht nach Schlupfwinkeln im Arbeitnehmerschutz, bis zur Pension hin, wo im letzen Jahr extra taktisch Überstunden angesammelt werden um die ab dann lebenslange Pension aufzufetten. Man gönnt sich ja sonst nichts. Opfer und damit legitimiert zu nehmen. Urlaub nehmen, Krankenstand nehmen, Pragmatisierung nehmen, Gehaltserhöhung nehmen, Pension nehmen.

SPÖ für immer, gewerkschaftsbeschützt, weil selber klein und hilflos. Wenn wir etwas Spezielles brauchten, einen Arbeitsplatz, eine größere Wohnung, einen Partyraum, Geld für den Musikverein – dann war die Partei immer für uns da. Monatlich klingelte der Parteikassier besoffen an der Gemeindewohnungstür, er begann im Erdgeschoss und wir lebten im siebten Stockwerk – das waren einige Obstler Vorarbeit.

Ich durfte als Kind die lecker süss schmeckende, allheilende SPÖ Parteimitgliedsbeitragsmarke an der Rückseite abschlecken und dann in das kleine rote, in Leinen gebundene, edle Parteibuch einkleben. Exakt im aktuellen Monatsfeld, versteht sich. Das war unsere harte Währung. Wir ermächtigen uns gegen die da Oben, ohne zu erkennen, dass auch unsere geliebte SPÖ längst auch „da Oben“ angekommen war.

Im wienerfelder Fußballverein war die unternehmerische Berührungsangst beim Auftreiben von Sponsoren eine schon etwas kleinere. Da war es plötzlich in Ordnung, wenn die Buben in den Nachwuchsmannschaften mit Werbelogos auf den schmalen Brüsten dem Ball hinterher hechelten. Der verschenkende Unternehmer war der Freund der kleinen Männer. Wenn einer der Jungs eine Lehrstelle brauchte, wenn einer der Väter gekündigt wurde und Arbeit suchte – da nützen alle schamlos den Kontakt zum Unternehmer da Oben. Muttermilch für Alle!

Schon als Kind war mir diese Klassensicht unangenehm, wusste ich nicht warum die Besitzerin vom Zuckerlgeschäft, die der Putzerei, der Wirt ums Eck etwas höheres wären. „Die Selbständigen“.

Seit zwanzig Jahren bin ich selbständiger Unternehmer, erfolgreich und – ja – fleißig.

Bis heute fragt mich meine Mutter regelmäßig, ob ich eh nicht viel arbeiten muss. Ob ich eh nicht zu viel Stress hätte. Ob ich eh nicht viel herumfahren muss. Und ich unterstelle meinem Papa, dass er bis heute seinen Schock nicht verkraftet hat, als ich damals 1997 meinen „sicheren Arbeitsplatz“ gekündigt hab um mich selbständig zu „machen“.

Seine Versuche mir den Mut zu „nehmen“, meinen Freiheitsdrang als leichtsinnigen Unsinn abzuwerten, blieben Gott sei Dank erfolglos. Im Gegenteil – bis heute wirkt diese, seine Haltung in mir motivierend. Und belastend. Ich darf nicht scheitern, bin Selbständiger, obwohl ich es gar nicht sein darf.

Bis heute kenne ich den Angstgedanken, dass ich eines Tages auffliege, entblößt werde und aufgedeckt, gar kein wirklicher Unternehmer zu sein. Mich bloß zwanzig Jahre lang durchgeschummelt zu haben, als „Undercoverproletarier“ – welcher sich nur als einer von da Oben ausgegeben hat – in seiner Tiefe jedoch einer „Da Unten“ geblieben ist, ein Opfer des Bösen „Da Oben“…

Ohne den „Segen des Vaters“ fährt sich das Leben wie mit einer stetig angezogenen, verrostetet Handbremse, da hilft keine Therapie der Welt, da hilft keine Selbsterkenntnis und auch kein realer Erfolg. Ohne den Segen des eigenen Vaters fliegt das Schwert des Damocles wie ein verkehrter Schutzengel dein ganzes Leben über dir mit, verfolgt dich auf Schritt und Tritt. Der Schatten des Scheiterns raubt dir einen wesentlichen Teil des Sonnenlichts. Immer. Er hält wach, motiviert, treibt an und weg. Und er lässt dich nie zur Ruhe kommen. Macht müde und erschöpft.

So sozialisiert zerreißt mich diese grundsätzliche Frage, ob 12 Stunden Arbeitszeit zumutbar sind. Ob die Ausbeutung der Arbeitnehmer nun in eine unerträgliche Dimension zurück geschleudert wird, ob der türkise Kanzler Kurz jetzt bloß seine „IV Sponsoren Wahlversprechen“ einlöst.

Die Muttermilch hat einen wesentlichen Teil meines Wesens in ein viel zu enges starres Opferkorsett getunkt, mein mir eigener selbstbewusster künstlerischer Freiheitsdrang begehrt seit jeher dagegen auf, unterwirft sich keiner Autorität und kämpft für meine Selbstbestimmung.

Es gibt eine Antwort, jetzt.

Wer darum kämpft, weniger Stunden arbeiten zu müssen, hat ein Problem. Ein grundlegendes, großes Problem.

Die SPÖ- und Gewerkschaftsempörung unterscheidet sich nicht vom Muster eines Häftlings, der seine Haftstrafe zu verkürzen versucht. Wie lang muss ich im Häfen bleiben? Wann darf ich endlich in die Freiheit? Wann endet meine Strafe? Darunter liegt eine kleingeistige Opferhaltung. Wir da Unten, die da Oben. Ihr bestimmt, wir wehren uns. Wie der Hamster im Rad. Wie der Schimpanse im Zoo. Häftlingsrevolte die Mariahilfer Straße hinunter.

Der Fehler ist ein weitreichender, ein systemischer, ein dummer. Die gesamte Debatte findet auf einer falschen Bühne, auf einer falschen Ebene statt. Wir diskutieren über „Anwesenheitszeit“ – fressen uns argumentativ nur dort fest und streiten über den Faktor Zeit.

Welche Rolle, verdammt noch mal, spielt die Anwesenheitszeit in der Wirtschaft? Eine überaus geringe, ein in den meisten Branchen und Berufen sogar vernachlässigbarer Faktor. Ausgenommen Berufe, in denen die pure Anwesenheit einen Wert: Portiere, Krankenschwestern, Wachsoldaten, Bereitschaftsdienste, Hotline-Services, Straßenbahnschaffner (gibt’s aber leider nicht mehr)…

Auf der Ebene des Unternehmers zählt der Effekt, die Wirksamkeit, der Wirkungsgrad. Der Gewinn einer Firma entsteht nicht durch die Summe der Anwesenheitszeiten – sondern durch die Summe der erzielten Effekte. Wer verstanden hat, was Einstein uns sagen wollte, würde nicht über Zeit – sondern über Wirksamkeit verhandeln. Sich für Gewinnbeteiligung statt gegen Zwölfstundentag engagieren.

E=m*c2 bedeutet, dass der Effekt, die Energie nicht durch langes Anschauen der zu bewegenden Masse entsteht, sondern durch das Ausmaß an Beschleunigung. Also: wie schnell habe ich die Masse (Arbeit) beschleunigt (erledigt) – nicht „wie lange habe ich die Arbeit angeschaut?!“

Warum kein Gewerkschaftsplakat über der Südosttangente mit dem Satz: „Lasst uns gemeinsam gewinnen!“ ?

Wieso kam keine öffentliche Diskussion über die Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer hoch? Wieviel vom erwirtschafteten Gewinn gibt das Unternehmen für die Mitarbeitergehälter aus? Wie können wir gemeinsam den Wirtschaftsstandort Europa und somit Österreich revolutionieren, wie schaffen wir es, den Begriff „Arbeit“ vollkommen neu zu begreifen?

Die Muttermilch wirkt flächendeckend, wer sich klein fühlt, wer sich der „unteren Klasse“ zugehörig empfindet, kämpft gegen die Bedrohung von „Oben“ – kämpft darum, nicht so lange dort sein zu müssen, in der Arbeit.

Wie die Lemminge ins Meer, der Zeit-Karotte hinterher.

Wenn die Logik der Arbeitnehmervertreter stimmt, bedeutete dies, dass: „Je weniger Zeit die Menschen in der Arbeit verbringen müssen, desto glücklicher werden sie – und desto gesünder würde die Gesellschaft.“ – Das halte ich für Schwachsinn.

Wenn meine „Einstein-Logik“ stimmt, bedeutet das: „Je intensiver und fokussierter wir alle unternehmerisch zusammenarbeiten, je näher die Menschen an ihre Talente und Berufungen heran kommen, desto effektiver sind sie, desto erfolgreicher und auch gewinnbringender sind die Unternehmen – und somit alle die daran mitarbeiten.“ – das halte ich für richtungsweisend.

Was den evolutionären Schritt in eine neue Dimension des Wirtschaftens verhindert?

Die kleingeistige, wadlbeisserische, dumme Haltung auf der Seite der Arbeitnehmer und derer Vertreter: Ein Oben und ein Unten. Statt ein Team, ein Wir, eine Wirtschaft auf Augenhöhe. „Wir sind die Opfervertreter! Wir holen euch da raus!“ Amüsanter Aspekt am Rande: Die mitregierende FPÖ, die Partei des armen kleinen Mannes „da Unten“, verteidigte den Schritt – weil es dadurch endlich mehr Zeit (!) mit der Familie gibt, mehr Flexibilität. Ganz falsch war das ja nicht, die muttermilchbetrunkenen FPÖ Kernwähler checken es bloß nicht…

Arbeitgeberseitig herrscht landläufig ebenso verbohrte Stumpfheit, die arrogante Gier regiert – kaum jemand will das Prinzip der „Ausbeutung der Arbeiter“ aufgeben – ist es doch der eigentliche unternehmerische Hebel der Macht, des Geldes, des Kapitals: „Dir zahle ich deine Anwesenheit, ich profitiere an deiner Wirkung! Je mehr du um‘s gleiche Geld hacklst, desto reicher werde ich!“

Wenn es um den Teamgeist geht, das Motivieren, das Schaffen von Rahmenbedingungen für begeistertes Arbeiten, dann sind etliche Arbeitgeber weit voran. Da haben sie ihren eigenen Vorteil schon lange erkannt. Aus der Summe der teuer eingekauften Arbeitszeiten den maximalen Gewinn heraus holen. Als Berater lebe ich seit 20 Jahren gut davon.

Wenn es um das Verteilen der Gewinne geht, haben schon einige Unternehmen den Schritt hin zur Mitarbeiterbeteiligung gewagt. Alle mir bekannten sind glücklich damit, auf allen Ebenen. Und sehr erfolgreich, auch auf allen Ebenen.

Was es dazu braucht: Angstbefreite Reife und die Erkenntnis, dass du nur gemeinsam das schaffen kannst, was einer allein niemals kann.

Das sagte schon Herr Raiffeisen, lang bevor er ein mächtiger Konzern war.