Steh hin.

Zazenkai Konzert, Luzern

Das Album „Stille führt“ zu taufen hatte etwas mit Anna Gamma zu tun. „Freude“ landete während eines einwöchigen Sesshins bei ihr in der Schweiz. Kreiste tage- und nächtelang in meinem Körper umher, terrorisierte mich beharrlich und hielt mich davon ab, voll und ganz in die Stille zu tauchen.

Das war es ja, warum ich wieder mal durch Zen Praxis nach mir selber suchen wollte, in mir selber, nach meinem Kern, meinem Sinn, meinen Wegweisern. Nach Lösungen für meine Themen und Probleme – um vielleicht sogar Lösungen für’s größere Ganze zu entdecken. Nach Ideen für nächste Aufgaben. Stattdessen rotierte diese Melodie samt Text wie eine verrückt gewordene Hymne durch mich, trieb mir die Tränen aus den Augen, rüttelte, schüttelte, durchzuckte und brannte mich und sich in meiner Erinnerung ein. Freude war geboren. Am Heimweg dauerte es nur wenige Augenblicke und das Lied war fertig notiert.

Jahre später dann wieder die Kraft der Stille. Über den Winter zog ich mich in meinen Wald zurück, versperrte die Hüttentür von Innen und spielte so lange das selbe Lied, bis es zu seinem Ursprung zurück entrümpelt war. Bis alles weg war, was nicht zum Lied gehörte. Am Ende des Weges war das Album „Stille führt“ auf der Welt. Weitaus lauter und zorniger als ich es mir ursprünglich zutraute – liebevoller und zärtlicher als meine Lieder je zuvor waren. Auch erfolgreicher als alle Alben zuvor – seit 3 Monaten in der deutschen Liederbestenliste. Bezeichnender Weise mit dem lautesten Lied „Heim“ – ein brutales Schauspiel elterlicher Gewalt – psychischer und körperlicher.

Anna‘s Einladung zum Konzert war für mich ebenso unerwartet wie ehrenvoll. Zazenkai ist ein Tag der Meditation und Besinnung, ein spirituelles Fest der Zen-Gemeinde. Ein starkes Ritual, vergleichbar mit gemeinsamem Gebet, Kontemplation. Tosende Stille in dutzenden Menschen, in einem Raum – Zendo genannt.

In diesen Raum hinein spielte ich gestern. Erlebte ein dichtes Konzert der Stille, kein Applaus zwischen den Stücken, dafür Blicke, Staunen, Tränen, Lachen und ungeteilte Aufmerksamkeit.

Nur weil der Applaus ausblieb, konnte ich erkennen, wie dieser unsere Gefühle abschneidet, beendet was gerade noch tief und stark da war. Mich wieder auf den Boden zurück drückt. Und ich merkte, wie unsicher ich bin, wie sehr auch mir der Applaus ein schützender Orientierungsrahmen ist. Was wir versäumen, wenn wir den Ausklang in die Stille nicht ertragen. Wie intensiv die stillen Sekunden nach dem letzen Ton sind, als ob das Lied erst dann wirklich in uns ankommen kann. Wieviel Platz dann erst da ist – für den Beginn des Nächsten.

Im Zug Richtung Wien. Wieder allein. Leicht Kopfweh. War heute mit Anna in der Natur, sie zeigte mir eine Schlucht, welche mit kräftiger Magie seit ewigen Zeiten einfach da steht. Wie eine Höhle zum Durchtauchen einlädt, zum Gedankenwaschen, Tonabschalten, Zeiteinfrieren. Gespräche und Schweigen. Alltägliches und Weltfrieden, Familienthemen und Gesellschaftswandel.

Was macht die Stille mit mir? Kaum sitze ich für ein paar Momente einfach aufrecht da, den Blick nach unten gesenkt, auf meinen Atem konzentriert: Jeden Gedanken kurz ansehen, weiter winken und vergessen. Um dann gleich wieder da zu sein, angesehen zu werden und weitergewunken. Um dann…

Es sortiert mich. Was unklar und verdrängt war kommt hoch, zeigt sich, ich werde wacher, erwache – ab und zu schlaf ich auch ein.

Erinnere mich an Wesentliches, an Menschen, an Verletzungen. Sehr oft kommt Wut – um einige hundert Atemzüge später zu erleben, wie sie sich auflöst. Oder Traurigkeit, Angst und Freude. Ich bemerke, wo meine Grenzen längst überschritten wurden und fasse reinigende Entschlüsse.

Zurück am berühmt – berüchtigten Boden der Realität bleibt mir immer ein Gefühl der Erschöpfung, gepaart mit Erleichterung und Klarheit. Sowie Entschlossenheit – falls Entscheidungen gefallen sind.

Mit genau dieser Entschlossenheit sitze ich jetzt hier im Schnellzug Richtung Heimat. „Was ist die Kernverletzung Österreichs?“ – fragte Anna mich. Ich kam in‘s Stottern. „Naja. Irgendetwas mit Minderwertigkeitskomplex.“ sage ich. „Wir sind ein Vielvölkerstaat, immer schon sind fremde Kulturen irgendwie in uns zusammen geflossen. Wir wissen nicht genau wer wir sind.“ Wir schlummern vor uns hin, unsere Sprache hilft uns zu verdrängen. „Eh“ und „schau ma mal“ regieren, wir sind schasfreundlich und brutalhinterfotzig zugleich. Wir fürchten uns vor dem Fremden – und bestehen, entstehen seit Jahrhunderten aus dem Zusammenfluss des Fremden.“

Wir schaffen gerade mal eine niedrige Geburtenrate von 1,4 – sterben also als Volk biologisch genetisch betrachtet aus. 1,4 bedeutet, dass 2 Erwachsene sich Generation für Generation auf 1,4 Menschen reduzieren. Jeder halbbegabte Mittelschüler kann sich ausrechnen, wann wir – „Das Volk der Österreicher“ – ausgestorben sind. Bald. Und das spüren wir in der Tiefe unserer Seelen. Wir sind impotent. Das nährt die unterbewusste Angst, das spüren wir alle. Da übernehmen die Triebe das Kommando. Da entsteht Schatten. Über genau diesen Schatten – du kannst auch verdrängte Ängste dazu sagen – erreichen uns die Verführer.

Dort sind wir blind. Dort glauben wir jedem selbsternannten Propheten, weil er uns ja die Heilung, die Potenz verspricht. Ohne jedoch das Kind beim wirklichen Namen zu nennen – im Gegenteil: Nicht unsere eigene Impotenz, sondern die große, vitale Potenz der „jungen, südländischen wirtschaftsflüchtigen Männer“ wird uns unaufhörlich als „größte Bedrohung Europas“ (Orban zu Kurz) vorgegaukelt. Was für ein fataler Irrtum. Was für eine Dummheit. Selbst wenn es wahr wäre – was hilft es, die Angst davor – statt den Mut, das Urvertrauen und das Selbstbewusstsein – zu bestärken?!

Österreich ist keine entwickelte Demokratie“ – sagt Jagdschitz.

Mich interessiert das Gejammer von Links über Rechts nicht mehr, ebensowenig das Gepöbel von Rechts nach Links.

Mich interessiert die kranke unlebendige Rechts-Links-Unterscheidung nicht mehr, das macht alles nur noch impotenter.

Ich gehe auf keine Demos mehr, auf welchen vorwiegend beschimpft und abgewertet wird, wo Heerscharen von tausenden Paaren Waldviertlerschuhe die Mariahilferstrasse hinunter schlendern und unreflektiert dagegen sind. Gegen das prinzipiell Rechte. Während sie den Verlust ihrer eigenen Bobobequemlichkeit fürchten.

Natürlich vertrete ich meine Ansicht, stelle mich gegen Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeit und Hetze hin. Doch durch reines Bekämpfen und draufschlagen ist es wie mit dem unliebsamen Essigbaum im Garten: mit jedem Hackenschlag gegen seinen Stamm stärke ich ihn dutzendfach. Nur der Dumme geht mit der Axt auf das Unwesen los.

Wie erbärmlich ist dieses Gejammere über die „Umstände“, über die „Anderen“, über die „Bösen“, über die „Linken“ und „Rechten“.

Ich interessiere mich für diese pseudoweltoffenen, feigen Bobo-Egoisten ebenso wenig wie für die Gift speienden, hassenden Hetzer.

Mich interessiert viel mehr unsere eigene Potenz, unsere Fähigkeit, unsere „Kultur der Vielfalt“.

Mich interessieren die Menschen mit ihren Ängsten und Schatten.

Mich interessieren unsere Möglichkeiten, diese Schatten aufzuarbeiten und zu integrieren, Menschen dabei zu begleiten, in ihre größte Kraft zu kommen. Ihre Berufung zu entdecken und zu leben. Ohne sie zu missionieren.

Mich interessiert die Gestaltung der Gesellschaft, die Chance in der Krise zu entdecken und uns alle wieder vital und potent zu sehen.

Mich interessiert jeder einzelne Mensch! Ich will verstehen, was dahinter steckt.

Und ich stehe für meine Ansichten ein, für meine Werte und Haltung. Dafür stelle ich mich hin.

Steh hin.