Nachruf Wilfried Scheutz


Kreta. Montag Früh. In der kleinen Taverne, in der hinteren schmalen Gasse – ins Internet. Blick auf Instagram. Mir bleibt der Atem weg. Wolfgang hatte in der Nacht eine Serie von Wilfried Fotografien online gestellt – mit dem Kommentar „R.I.F.“.

Wilfried ist tot. Am Weg zum Flughafen lief seine CD, so wie zuletzt jedes mal, wenn nicht gerade Leonard Cohen’s letztes Album drin war. Was für eine Parallele: beide Alben produzierten Vater und Sohn gemeinsam, beide Alben von tiefer Tiefe, beide Alben eine liebevoll-zornige Abrechnung mit der kranken Welt. „Wenn du es dünkler willst, löschen wir die Flamme“ und „Wutbürger, haltet die Schnautze!“. Beide Alben ein Abschiedsbrief – im Angesicht des bewusst nahen Todes.

Wilfried’s Tod geht mir deshalb so nahe, weil er so nahbar war. Er war der erste Star, der auf meine Anfrage zum Benefizprojekt für MOMO Wiens mobiles Kinderhospiz – „Freude für Momo“ – sofort zugesagt hatte, unmittelbar gefolgt von Ulli Bäer, Der Nino aus Wien, Ulrike Beimpold,… Die Erwähnung, all jener „Stars“, die nicht einmal abgesagt hatten, spare ich mir. „Jo passt! Bin dabei. Sag ma waunn i wo sein soi. Und schick ma de Numma – und mei Stö wo i singen soi.“ – er machte die Tür weit auf. Er war da. Pünktlich. Im Studio ebenso wie bei der medialen Präsentation. Es wäre gelogen, wenn ich sag, dass wir befreundet waren. Wir waren uns bekannt – und ich fühlte mich von ihm kollegial respektiert.

https://www.youtube.com/watch?v=GZNUYPhGNr0

Wenn es nur ein Wort geben dürfte, welches Wilfried beschreibt, dann: „Mann“. Für mich lebte er vor, was Mann-Sein ist, was Vater-Sein ist. Was Präsenz und Liebe ist.

Erinnere mich an unsere erste Begegnung, vor vielen Jahren am Naschmarkt. Ich war grad drinnen, beim Urbanek. Dem kleinsten Lokal Wiens. Es war gesteckt voll, als einer die Tür nach innen aufdrückte und ein riesen Riegel von einem Mann sich quer durch den Türstock an die Pudel durchschob. Da war eine Mauer voll Rücken und Schultern vor mir, ein Berg Körper. Und da war diese berührende Stimme, die alles durchdrang und zum Vibrieren brachte. Ein steirisches „Griass eich!“, welches mich die dichte Drängerei als angenehme Nestwärme empfinden ließ. Wilfried war da. Wilfried ist da. Wilfried bleibt da. So wie die beiden Söhne Adam und Hanibal da sind – sie die dichterischen und musikalischen Berufungen ihrer liebenden Väter weiter tragen. Wie traurig – aber auch wie schön muss es sein, wenn Vater und Sohn sich zu Lebzeiten so nah sein konnten, ihre Liebe in ein gemeinsames Kunstwerk gegossen…

Das ist es, was mich am Strand von Kreta beschäftigt. Am Südrand von Europa, Blick auf’s Lybische Meer.

Foto: Helga Nitsche

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