Maskenbuch. Oder: Der ungläubige Thomas.

Gesichtsbuch. Also der Ort, an dem wir unser Gesicht zeigen.
Uns freiwillig her zeigen, mit teilen, informieren, posieren, vernetzen, markieren. Uns verfolgen, veranstalten, einladen, Gefühlszustände monitoren und kommentieren, im Idealfall sogar diskutieren. Wir positionieren uns. Zeichnen Tag für Tag das Bild, als welches wir gesehen werden wollen. Was entsteht ist nie das „wahre Gesicht“ – im Gegenteil. Es ist unsere Maske, unser geschminktes Ideal, unser Rollenbild. Maskbook. So müsste es heißen. Ehrlicher weise.

Warum mich das beschäftigt? Weil ich meinen inneren Konflikt dazu täglich mehr spüre. Weil natürlich auch ich Tag für Tag genau das poste, von dem ich annehme, es kommt gut an. Es positioniert mich. Stärkt mich. Bringt mir Vorteile. 

Aber jetzt 3 mal ehrlich.

Erstens.

Mich kotzt dieses „ach wie geht’s mir gut“ Blabla an. Auch dieses „ich wähle links/ich wähle rechts“ Gebalze. Mein eigenes natürlich mit einbezogen. Wieso machen wir alle Wahlkampf!? Bin ich Politiker?! NEIN. Ich bin Bürger. Unternehmer. Steuerzahler. Europäer. 

Wenn ich mich für Van der Bellen engagiere, dann vor allem weil ich Hofer verhindern will. 

Weil mir seine Gesinnung, dieses in meiner Intuition als „falsch“ ankommende, süße Gesülze stört, weil mir mein Bauch sagt, dass er lügt. Ich vertraue Hofer nicht. Punkt. Van der Bellen finde ich nett. Gutmütig. Und auch müde und etwas zahnlos. Mich kotzt ebenso an, dass er einen FPÖ Wahlsieger nicht mit der Regierungsbildung beauftragen will. Das ist mit der Demokratie nicht vereinbar. 

Das ist linker Populismus. Auch wenn ich seine liebe Art und sein Weltbild sehr teile – für mich ist er das geringere Übel. Eine Schande eigentlich, dass es keinen wirklich leiwanden Kandidaten, keine Kandidatin gab. Ein Trauerspiel. Dann noch diese juristische Oberlehrer-Wichtigtuerei des VGH. Das alles habe ich gebraucht wie einen Kropf. Ehrlich. Punkt. 

Zweitens.

Die wirklich harten, wahren Sager spar ich mir, aus Angst, meine Anschlussfähigkeit zu verlieren. 

Da nehme ich a bissl feig Rücksicht auf meine Kunden – und auf meine Aufträge. 

Ich arbeite ja auch für Ministerien, Städte und Konzerne, teils gut konservative Unternehmer. Bin Regionalrat bei Raiffeisen. Da halt ich mir ab und zu den Mund zu, es kommt schon öfter vor dass ich einen Text fertig hab und ihn dann statt hochzuladen wieder lösche. 

Wenn ich zum Beispiel so richtigen Zorn auf Politiker hab, mich über Ihre Eierlosigkeit und deren Machtgier aufrege. 

Wenn ich die Raffgier und Falschheit der Wirtschaft kaum aushalte. Und ich doch gut mitpartizipierender Teil dieser bin. 

Das schreibe ich dann nicht oder nur sehr sanft. Da nehme ich Rücksicht. Am meisten wahrscheinlich auf mich selbst, und auf meine eigene Profitabsicht. Ich lebe ja irgendwie ein Doppelleben: Als kritischer Künstler goschert von der Bühne runter, den Zeigefinger erhoben und anprangernd – und dann als Unternehmensberater und Coach, mitten drin in der (großteils nach wie vor) ausbeuterischen, egoistischen, weltzerstörenden, unnachhaltigen Wirtschaft. Ich bin ein Wendehals. Auch. Ehrlich.

Drittens.

Es geht mir ab und zu beschissen. Ich kenne die Depression. Die Dunkelheit, die Momente der Ausweglosigkeit. Es gibt Tage und Nächte, da frisst die Einsamkeit an meiner Seele, da zweifle ich am „Menschenbild des Guten“. Da sehe ich so viel Dreck, Böses und Vernichtendes in unsere Gesellschaft, so viel Ungerechtigkeit und Schmerz, dass es mir den Hals abschnürt. Es gibt den Aspekt des Weltuntergangs in mir. Hoffnungslos, Ungläubig und lieblos. Niemals schreibe ich das ins Maskbook. Ich bemühe mich, der sonnige Mutmacher zu sein. Der positive Thomas, den viele mögen und um Rat fragen, wenn sie selbst in der Dunkelheit herum irren. Auch ich verlier mich ab und zu. Auch ich weiß keine Antwort, auch ich fürchte mich. Auch ich kenne die dunkle Seite der Macht, auch wenn ich es nicht gerne sichtbar mache. Ehrlich. Punkt.

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