Aesculap, Laserkraut und der Uhu.

Gerade noch die Diskussionen mit der Kindergartentante – und gestern Matura geschafft. Der Moment wo die whatsapp Nachricht rein kam: „Bestanden“. Was für ein Gefühl der Erleichterung, der Freude.

Auch wenn ich nie daran gezweifelt habe, dass Sohn Prototyp es schafft – der berühmte Stein ist mir trotzdem vom Herzen gefallen. Große Freude und auch Erleichterung. Primär weil ich Tag für Tag erlebt hab, wie wenig Lebendigkeit und Begeisterung zu entfachen diese höhere Schule fähig war. Wie sehr das Leben der Schüler getaktet, kontrolliert, eingekastelt war. Wie wenig es dem Schulsystem gelang, diese 5 Jahre als motivierenden Anlauf und Sprungschanze ins Leben zu gestalten. Er hat’s hinter sich gebracht. Gelernt haben’s ganz viel, Rechnungswesen, Multimediadesign, Biologie, Spanisch, Englisch, Deutsch, Mathematik. Sie werden’s Teils brauchen – Großteils nie wieder. Juppiduhu. Jetzt noch durch den Zivildienst, dann Flügel spannen und…

Heute meine Arbeit mit Wissenschaftlern. Von Acht in der Früh bis Fünf am Nachmittag. Bin erschöpft. Es war „gut“ – wir konnten Missverständnisse klären und bis zum Ende hin war das gemeinsame Bewusstsein und dieser Teamspirit da, der zur Entschlossenheit führt. Eigentlich sollte ich längst schon in Wien sein, beim Event eines anderen, langjährigen Kunden.

Doch: Es zog mich wie von Geisterhand in den Wald.

In meinen Wald, nur wenige hundert Meter vom heutigen Workshop-Ort entfernt. Wenn es besonders intensiv war, ich erschöpft bin, hilft er mir. Mit seinem wilden Wuchs, seinen unzählbaren Pflanzen und Insekten. Den im hohen Gras sichtbaren Schlafplätzen der Rehe.

Richtige Nester, wo du sogar noch das Tier riechen kannst – aber nur, wenn du die Nase an den Boden drückst.

Immer wieder diese tosende Stille hier. Schrilles Gezwitscherkonzert, der Kuckuck und die laut raschelnd im Boden nach Käfern und Würmern stochernden Vögel. Einige der Gräser und Kräuter stehen jetzt – Anfang Juni – schon bis über meinen Kopf, überragen mich und verstellen schwankend den klaren Blick.

Mein iPhone in der Hand, Blick für Blick, Schritt für Schritt, fotografiere ich diese Wunderwerke.

Meine zwei jüngsten Tätowierungen entstanden so: Aus diesen Begegnungen hier. Dann, wenn ein Wesen mich besonders packt. Mich rausreißt aus mir. Dann: Fotografiere ich, lebe einige Wochen mit der Erfahrung – kontaktiere dann Edith und wir gehen’s an.

Das bis zu zweieinhalb Meter hoch wachsende „Breitblättrige Laserkraut“ ziert meinen linken Arm. Dieser Doldenblütler voller Heilkraft. Die ebenso tiefe Wurzel gilt als Tonikum und Arzneipflanze zur Heilung von Krebs. Jahrelang schaffte ich es nicht diese stolze Pflanze zu bestimmen, bis es Dank Hilfe via Facebook gelang.

Dann kam die Aesculap Natter, anthrazit glänzend, lautlos und heroisch. Kurz stoppte sie letzen Sommer, drehte ihren Kopf nach hinten, schaute mir in die Augen. Einen kurzen ewig langen Moment – als ob sie mir etwas zu sagen gehabt hätte. Um sich unmittelbar wieder umzudrehen und unentdeckbar zu verschwinden. Diese heilige Schlange, Begleiterin und Symbol der Mediziner. Als spirituelle Kraftquelle, jenseitig und gegenwärtig.

Heute, jetzt vor wenigen Augenblicken: Plötzlich dieser wie ein Windstoss klingender Ton. Aus dem düsteren Waldteil. Ein Rauschen, ein Flügelschlagen. Von vorne direkt auf mich zu. Sehe diesen hell braunen Körper kommen, blitzschnell und trotz diesem mächtigen Geräusch doch irgendwie still. Über mich hinweg. Ohne so schnell denken zu können ist mir die Präsenz des Uhus klar. Der Wächter der Ahnen, der Weise, der Einzelgänger. Ähnlich dem Satyr. Ein Fremder unter Vögeln, ein Fremder unter Menschen, zweidimensional im Sehen, gestochen scharf in der Wahrnehmung. Präsent und entschlossen, kraftvoll. Schön.

Wie sehr ersehnte ich mir diese Begegnung. Damals, vor sieben Jahren, während der Erstbegehung meines Waldes, gemeinsam mit dem Förster. Als er mich einweihte, in meine Verantwortung. Da gleitete der Uhu erstmals über uns.

„Das war ein besonders seltener Moment, merk ihn dir.“

sagte der Förster zu mir. Seither nie wieder. In Erinnerung an diese initiale Begegnung war ich zuletzt bei Edith, der Peckerin meines Vertrauens. Um den Uhu mit ihr zu besprechen. Wir hätten vergangenen Sonntag stechen wollen, doch es sollte noch nicht sein. Jetzt das. Ich reiße mein Smartphone in die Höhe, erwisch irgendwie den Auslöser. Und hab ihn.

Sitze da auf meiner Waldbank. Denk kurz an Hong Kong und den Lärm dort. Und an die Menschen, die jetzt um 23:00 Ortszeit sich langsam aber sicher in ihre Betten verkriechen. Gute Nacht!

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