Österreichischer Herbst.

12.06.2016 | Vatertag

Europäischer Herbst. Österreichischer Herbst. Ich dachte ja vor exakt einem Jahr zu Sommerbeginn, dass es schon bald soweit sei. In Anlehnung an den Arabischen Frühling. Dass „es kippt“ – wir uns auf den Straßen Wiens Steine an die Köpfe werfen werden. Was dann 2015 noch nicht soweit war – da schwappte primär die Welle der Willkommenskultur über uns – war gestern kurz da, zeigte sich – und wird im Herbst 2016 sehr wahrscheinlich noch mehr soweit sein. Ein Jahr später. 

Wenn wir’s nicht endlich doch noch erkennen…

2015 hatten die guten Menschen die mediale Hoheit, Bahnhöfe voller Flüchtlinge, Flüchtlingshilfe statt Fitnesscenter, Kleiderschränke leeren statt Mottenkugeln kaufen. Grenzen weit offen, Mikl-Leitner das Lieblingsfeindbild vieler Helferinnen. 

Amnesty International prüfte das Lager Traiskirchen. Was uns damals groß vor kam, erscheint mir heute im Rückblick als kleines Problemchen. Leise begannen erste „Freunde“ auf Facebook, mich einen naiven Gutmenschen zu nennen. In vertraulichen Gesprächen im Freundeskreis traute ich mich bald auch meine Befürchtungen zu sagen: „Das daheben wir Österreicher psychisch nur schwer. Auch wenn es menschlich richtig ist, niemanden abzuweisen – es ist unklug die Grenzen unkontrolliert offen zu lassen. Denn was hilft die ganze Heldentat, wenn das innere eigene System kippt!? Wenn wir verdammt noch mal kollektiv mental einfach nicht fähig sind, unsere Xenophobie in so kurzer Zeit zu wandeln!? Zu verwandeln in Offenheit, Urvertrauen und Veränderungsfreude.“ 

Dazu mein Blog die „schau Ma mal Grenze„…

Heuer ist alles sehr anders. Es wurde salonfähig, gegen Ausländer – die ja jetzt praktischer Weise „Flüchtlinge“ heißen – zu sein. Kaum noch wer stellt die Floskel „Ich hab ja nix gegen Ausländer, aber…“ vor seinen Satz, wenn’s um „unser Österreich“ geht. Ab und zu, wenn ich gut ausgeschlafen und belastbar bin, lese ich die Postings auf diesen Seiten. Mit „Diesen Seiten“ meine ich die, wo offen gegen das Fremde, gegen offene Grenzen und gegen die „Volksverräter Regierung“ geschrieben wird. Oha. 

Und: Es wurde ebenso salonfähig, von links nach rechts hinüber unaufhörlich mit diesen „Da sind die Nazis wieder, auf sie mir Gespött“ Parolen zu spucken. Sich unreflektiert zu überhöhen, es besser zu wissen und sich die Finger wund zu posten. Alles was aus der Nähe der FPÖ, der Hofers und Kickls kommt zu demontieren, abzutun als „brauner, Menschen verachtenden Schwachsinn“. Das sieht zwar auf den ersten (schlampigen) Blick moralisch legitim aus, spätestens auf den zweiten Blick entpuppt sich das als eine rechthaberische, eitle und gefährlich überhebliche Zündlerposition. 

Eine Gesellschaft, die sich primär über Polaritäten streitet, sich gegenseitig in gut|schlecht, richtig|falsch, links|rechts, liebend|hassend, naiv|realistisch, Gutmensch|Schlechtmensch, moralisch|unmoralisch einkapselt, eine solche Gesellschaft hat den Sprengstoff zur Selbstzerstörung in sich. 

Demokratie bedeutet, die unvereinbaren Gegensätze in utopische – also ebenso unmögliche – Zukunftsmodelle zu führen, und sich auf den Dialog zu fokussieren. 

Auf den Streit, auf die Diskussion. Konsens zu finden, also so lange an Lösungen zu feilen, bis niemand mehr einen schwerwiegenden Einwand hat. Das geht. Wenn wir dazu Entschlossen sind. Idealismus und Dogmatismus stehen dem im Weg. Egoismus sowieso.

Dazu brauchen wir aber (!) die Fähigkeit zum Dialog, zum NON-dualen Denken und Reden. „Sowohl als Auch“ statt „Entweder Oder“. 

Mehr Buddhismus, weniger Römisch-katholisch. 

Dazu brauchen wir die Fähigkeit, unsere Ängste zu leben und zu lieben, sie zu deuten und an ihnen zu wachsen. Dazu brauchen wir das Selbstbewusstsein gesunder Säugetiere, den Mut zum Konflikt und zur Konfrontation. 

Demokratie ohne Therapie ist Idiotie. 

BürgerInnen, welche in ihren eigenen Problemen fest stecken, depressiv oder aggressiv – verkürzt benannt „unglücklich mit sich selbst“ – sind, haben keine Ressourcen für konstruktiven Streit frei. 

Wo lernen wir ÖsterreicherInnen Streitkultur? Konfliktlösung? Gewaltfreie Kommunikation? In den Schulen? Sicher nicht dort. Unser Bildungssystem erzeugt Rechthaberei und Egoismus. In den Familien? Unsere Familien zerbrechen. In den Medien? Streitshows und Politisches Hickhack auf allen Kanälen. In der Wirtschaft!? Unsere Berufe wackeln. Konkurrenz noch immer das Erfolgsrezept für Joberfolg. In den Kirchen? Kraft und Mut aus Spiritualität? Wer hat das schon? Esoterik, Channeling und Wahrsagerei stillen keinen spirituellen Durst. Wo sollen wir unsere Sehnsucht nach Sinn und Berufung finden und stillen, in einer sinnentleerten Gesellschaft, fern von Zusammenhalt, Glaube, Religion und stärkenden Ritualen. 

Das alles fällt uns jetzt auf die Köpfe. Jetzt, wo wir diese sozialen Kräfte dringend brauchen.

Für unseren inneren Zusammenhalt, damit wir mit den von außen auf uns zu kommenden Problemen gemeinsam fertig werden können. Denn eines ist sicher: ein Team, welches innerlich ungesund oder gar zerstritten ist, kann nicht in seine größte Kraft kommen. Wird im Sport niemals gewinnen. Wird als Nation nicht gesund weiter kommen. Sondern am inneren Kampf zerbrechen. Während die Kräfte an den Grenzen des Systems fehlen – dort wo sie sinnvoll gebraucht werden. 
Der Österreichische Herbst 2016 wird heftig. Darauf wette ich. Ich hoffe, es wird unsere „Auferstehung“ – denn tief drinnen wollen wir alle das Selbe. Wir schauen bloß von links und rechts auf unser Land. Im Herzen sind wir alle lieb. E.

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