Gscheid oda goa ned!

12 Tage danach | Wien
Da lieg ich also krank im Bett. Selbstdiagnose: Schlafmangel und Verspätung der Seele.

Lomography Buenos Aires Airport

Lomography Buenos Aires Airport

  • Seit meiner Rückkehr aus der Antarktis war ich unterwegs. »Termine« – wie man sagt: Workshops und Teambuildings, Coachings und Interviews mit Journalisten. Buchhaltung, SVA Überweisung.
  • Protokolle und Angebotskonzepte. Verhandlungen, Telefonate und Kriseninterventionen. Porgy & Bess Konzertbesuch. Fotos sichten, sortieren. Mit Sponsoren kommunizieren. Emails und Texte schreiben. Therme und Sauna. Söhne treffen. Radiokulturhaus Abendveranstaltung. Antarktis Geschichte hundert mal erzählen. Rechtsanwalt informieren. Bankdirektor treffen. Kopfkino Plakate organisieren. Gitarre neue Saiten aufspannen und ein wenig spielen. Filmrollen zu Lomography bringen. Neue GIGs checken. Musikwerkstatt Bad Blumau entwickeln. Nach Graz zur Diagonale. Stundenlang ins iPhone starren und recherchieren, was da gerade politisch in der EU abgeht. 3 Nächte in Hotels. Ein paar hundert Kilometer auf der Autobahn. Versuch, mir meine Meinung zu bilden – zwischen „ja, Grenzen sind wichtig“ und „Menschenrechte für alle“, zwischen „Ich genieße dieses Luxusleben in Österreich“ und „darf ich es genießen, während Millionen Menschen leiden und flüchten“. Meine Zweifel sortieren, für welche Projekte ich mich zukünftig voll – und für welche gar nicht mehr engagieren will.

Was in diesen 12 Tagen nicht dabei war: Zeitigschlafen, Waldspaziergang, Freundetreffen, Sportlichsein, Liederschreiben, Sofaknotzen, Meditieren, Gemütlichessen, Gedankenbaumeln und Antarktiseindrücke sickern lassen.

Mit jedem Meter zurück nach Europa funktionierte das Leben weniger gut. Die Schifffahrt nach Ushuaia war noch überpünktlich vor der geplanten Zeit, der Flug nach Buenos Aires ebenso. In Madrid gab es schon Verspätung und zunehmend „ungute“ Passagiere. Es war spürbar mehr und mehr vorbei mit der natürlichen Entschleunigung des Südens.

Spätestens als wir mit deutlicher Verspätung knapp vor Mitternacht in München landeten, merkte ich dieses Reiben, dieses unlockere, verkrampfte Leben. Die iPhones piepsten. Der Fahrstil der Autofahrer, diese metrische Dynamik der Menschen und Maschinen. Diese grundlegende, hintergründige Aggression. Der mehrheitlich salonfähige Egoismus. Scheinbar alles perfekt organisiert, Verkehrsfunk, Rettungsgasse, super Mobiltelefonempfang, Schneepflug und dreispurige Autobahn. Wirklich funktionierte ab München gar nichts mehr. Es ist ja paradox, sich über einen funktionierenden Bayern3 Verkehrsfunk zu freuen und zugleich ausschließlich über Pannen, Umleitungen, Unfälle und Sperren informiert zu werden. Meine Seele noch in Ushuaia, der Reisegeschwindigkeit der Ortelius konnte sie gerade noch gut folgen, ab Buenos Aires hatten wir uns verloren.

Wie in der Live-Musik, wenn die Band zwar maschinell präzise »auf Klick«, alles dadurch genauer, berechenbarer und richtiger wird – aber zugleich die Lebendigkeit, das »menschlich schnaufende« tot gemacht ist. Wenn die Regel, das Gesetz der »richtigen Time« und der geplanten »Form« alles dominiert. Ich kenne den Unterschied, konnte lange nicht benennen warum mir und dem Publikum meine kleinen unplugged ‪Kopfkino‬ Konzerte so viel mehr Freude lieferten als die großen, Klick-getakteten Auftritte.

Es war die Dominanz der technischen Ordnung, die mich von der kreativen Kraftquelle abschnitt. Gelogen zu sagen, es wäre nicht geil gewesen, es hätte nicht enorm meine egoistische Seite befriedigt. Diese ‪»Kawumm«‬ Konzerte musste ich erleben, Trommeln, Egitarren, Synthgewummer, Bässe und mein gesangliches Geschrei bis zur Erschöpfung. So erschöpft erlebte ich mich auch nach meiner Rückkehr. Immer trauriger und matter wurde ich, je mehr ich meinen eigenen Rhythmus wieder ignoriert und mich der „heiligen (Un)Ordnung“ des Geschäftslebens unterworfen hab.

Vielleicht ist es so, dass wenn dich die Antarktis einmal berührt hat, mit ihrer puren Unmenschlichkeit, sie dich nicht mehr los lässt. Vielleicht ist es eine Initiation, die dich nicht mehr vergessen lässt, wie Rhythmus, Klang und Takt des wirklichen Lebens sind. Und du noch viel direkter als zuvor die Rückantwort bekommst: „Gscheid oda goa ned!“

‪#‎Antarktis16‬
Fotografiert mit Lomography.

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