Antarktis Ausflug 2016: Reiseblog

Eine Reise wie das ganze Leben.
Das Tagebuch des gemeinsam mit blind climber Andy Holzer, Anda Unterkreuter, Frank Winkelbach und Roger Stuber erlebten Antarktis Ausfluges – zum Nachlesen…

Tag 0 | 14.2.2016 | Wien – Lienz

23. Kilogramm. Alles dreht sich um diese Zahl. Was nehme ich mit, was lasse ich da? Was brauche ich, dort in der Antarktis, was für die Tage am Schiff? Und für die 24 Stunden in Buenos Aires – 35 Grad hat es derzeit dort. Minus 15 und Sturm am südlichsten Kontinent. Welche Schitour-Ausrüstung wird passen, Pickel, Steigeisen. Schichtenweise Gewand von Ortovox, schwere Dachstein Bergschuhe, Lomography und Sony Fotoausrüstung sowie Bücher.

Zwei Bücher sind’s geworden – »Eistau« von meinem Freund Ilija Trojanow und die Biografie von »Gandhi«. Gandhi fasziniert mich Tag täglich mehr, sein Weg des Herzens und seine große Wirkung auf die Menschheit. Seine Entschiedenheit, Bürgerrechtler statt Politiker zu sein, seine Gabe, Machtsysteme und deren Kipppunkte zu durchschauen. Seine Beharrlichkeit für Gerechtigkeit und Freiheit zu kämpfen, ohne den Kampf oder gar Krieg zu forcieren. Kraft statt Kampf. Einer meiner Leitsätze.

Wer selbstbewusst, geistig fit sich für seine Vision einsetzt, bewegt Großes. Wenn es dann auch noch um Wertvolles, Sinnvolles geht, dann gelingen Wunder – ohne kriegerisch kämpfen zu müssen. Das Buch passt in unsere Zeit, zwischen Kriegen, Flucht und Egoismus. Ilija Trojanow ist einer der gegenwärtig ganz großen, weisen Geschichtenerzähler, einer der weit voraus sieht und nie müde wird zu warnen, zu prophezeien und Mut zu verbreiten. Im Dezember werden wir gemeinsam in Wien auf der Bühne sein, er zu Gast in meinem Programm »Kopfkino«. Eistau handelt in der Antarktis, das Buch lag seit gut einem Jahr ungelesen am Wohnzimmertisch. Kann mir keinen geeigneteren Ort und Zeitpunkt vorstellen es zu lesen als jetzt.

Unter Tags Anreise von Wien nach Osttirol, Andy und Anda treffen, um am Tag darauf gemeinsam nach München zum Flughafen zu reisen.

22,7 Kilogramm sind es geworden, nachdem Andy und ich gestern bis spät Abends die Ladung optimiert haben. Am Schluss blieb meine Lieblingsjeans daheim, dafür packte Andy sein mobiles Kurzwellenfunkgerät ein – sein Traum, aus der Antarktis aus mit der ganzen Welt zu kommunizieren – soll realisiert werden. Antennenkabel und Netzgerät, alles haben wir dabei. Unser Plan: Die T-förmige Spezialantenne eigenmächtig an Deck des Eisbrechers zu spannen und dann Funksprüche absetzen. Nur wer sich auf Andy einlässt und seine Begeisterung für diese hochtechnische Kurzwellentechnologie verstehen will, kann begreifen worum es ihm dabei – unausredbar – geht.

Am Abend herzlicher Abschied von Andys Vater und Mutter, so wie ich mich heute Früh von meinen Eltern, Söhnen und meiner Frau verabschiedet hab. »Entscheide entsprechend deinen Verantwortungen« – der Satz meines 73 jährigen Papas dreht sich seit heute früh in meinem Kopf. Da lag etwas in der Luft, er sorgte sich anders als sonst um mich. Für gewöhnlich ist es meine Mutter, die versucht mir Ihre Ängste – statt Mut und Zuversicht – mit auf den Weg zu geben. Diesmal war sie still.

Reisen in die Antarktis lösen in vielen große Bilder aus. Das habe ich während der Vorbereitungen oft bemerkt. Ein magischer Kontinent, den nur wenige Menschen während ihres Lebens wirklich betreten. Und so ist denen, die den Weg dorthin tatsächlich wagen, besondere Aufmerksamkeit sicher.

Tag 1 | 15.2.2016 | Flugreise Lienz – München – Madrid – Buenos Aires.

Ich spüre seit gestern diese Konzentration in mir, es Nervosität zu nennen stimmt nicht ganz, es ist ein Zustand der inneren Stille, des Zusammenziehens. Ab und zu der Zweifel und – etwas das ich sonst gar nicht kenne – Angst. Angst, nicht gut oder gar nicht mehr zurück zu kommen. Auch wenn das bei diesem Ausflug sehr unwahrscheinlich ist, denn eigentlich handelt es sich um ein gut geplantes, abgesichertes Projekt – jenseits von wilder Expedition.

Diese Angst ist einfach da, sie warnt mich und hält mich wach, lässt mich fokussiert und wachsam sein. Und je stiller ich werde – jetzt in diesem Moment über den Wolken im Flieger nach Madrid – desto mehr wandelt sie sich in Demut, Freude und Gefühle der Liebe. Ja. Liebe. Ich merke sehr intensiv zwei Gewissheiten: Erstens wird mir absolut bewusst, wie sehr ich meine Söhne Lukas und David liebe, meine Frau und meine vielen Freunde. Ich spüre diese Dankbarkeit und Kraft, die uns verbindet. Zweitens wird mir bewusst, dass mein Leben immer schon endlich war, dass mit jedem Tag mehr ein Tag weniger zu leben ist. Dass ich jeden einzelnen Atemzug nur ein einziges Mal erleben kann. Ich tendiere dazu, diese Tatsache zu verdrängen. So zu leben als gäbe es kein Lebensende.
Diese Angst wandelt sich also – zuerst in einen traurigen Schmerz und dann, Sekunden danach in brennende, vorsichtige Freude und Dankbarkeit.

Andy und Anda schlafen neben mir in der Sitzreihe. Ich stell mir kurz vor wie es für Andy ist, in der vollkommenen Dunkelheit genau jetzt diesen Augenblick eben nicht als Augen-Blick zu erleben. Check in und gemeinsamer Weg zur Toilette am Flughafen ließen schon erahnen, wie sehr sich in den kommenden beiden Wochen die Rollen verwandeln werden. Mal navigiert uns Andy durch die Bürokratie der Flugbuchungen, kennt jede Autobahnabfahrt auswendig und checkt den Parkservice fürs Team – und Minuten später stolpert er hinter mir in die Rolltreppe hinein, sucht tappend nach Klotür, Spülung und Seifenspender – um gleich danach dem via Zürich anreisenden Roger per Telefon die Check-In-Modalitäten fürs Sportgepäck zu erklären. „Du musst dich führen lassen, um führen zu können.“ – verrückte Welt.

Stimmung freundschaftlich großartig. Der in München zu uns gestoßene Frank, deutscher Architekt, von erster Sekunde an sympathisch und hilfsbereit. Noch viele Stunden Flug erwarten uns heute, spät nachts werden wir bei 35 Grad in Buenos Aires landen. Leider ohne kurzer Hose, die hab ich einzupacken vergessen.

Wir gut angekommen. Schi kommen später. Roger seit Madrid auch bei uns.

Tag 2 | 16.2.2016 | Buenos Aires

Unsere Ski sind angekommen, wir sind happy.

35. Grad. Celsius. Einen eigenartigen Weg gehen wir in die Antarktis. Den durch die Großstadt. Skurril, dass der Weg in die Kälte durch die Sommerhitze führt. Unsere heutige Stadttour war eine andere als angenommen, irgendwie hat keiner von uns daran gedacht Argentinische Pesos zu wechseln, so scheiterten wir nach 45 Minuten Wartezeit an der Touristenbus – Schaffnerin. »Do you accept US Dollar? No. Euro? No. Creditcard!? No.« – »Our friend is blind« – sagte ich mit sehr deutlicher Stimme, unmittelbar nachdem Andy mir rüber gezischt hatte »Sog eara dasch ma oan Blindn dabei hon!« – Das mitleidige Angebot für zwei Freifahrten hat uns das gebracht, aber wir sind nun mal Fünf. Alle für Einen, Einer für alle. Oder so. »No, sorry.« Also dann, standen wir Antarktissuperheroes wie bestellt und nicht abgeholt dumm da in der Hitze der Stadt. Irgendwo downtown.
»Taxi« – »No, no Dollars. No Euro. No Creditcard.« – and: »only four People. Five NO.« – somit war klar: die Karawane zieht zu Fuß weiter.

Für Andy ist das Gehen in der Stadt weitaus anstrengender als das Bewegen in der stillen Natur. Tausende Geräusche, schiefe Gehsteige, Pfosten, Laternen, Randsteine, Hundescheisse, uns blindwütig entgegenrennende, rempelnde Passanten, Straßenkreuzungen und desorientierte Teamkollegen. »Manda, mir wird das zu viel.« – Andy hatte genug.

Nach dem dritten Anlauf waren wir endlich fähig Geld zu wechseln, zuerst ohne Ausweis nicht möglich, dann nur für Bankkunden – zuletzt gelang uns einfach südamerikanisches Cash und Carry. 14 Pesos für 1 Dollar.

Unsere Stadttour war wahrscheinlich – hoffentlich – der anstrengendste Teil der gesamten Reise. Schau ma mal. Nach Taxifahrt zum Hafen, Schock an der Menükarte des noblen Restaurants und kurzer Teamkrise marschierten Andy und ich vorne weg, die Anderen hinterher. ZIEL: Futter. Nach weiterem Fußmarsch erschöpft im Straßencafé Cola, Kaffee und Toast. Rein in zwei Taxis – ab ins Hotel.

Unsere zwei Schibags noch immer nicht da, spanisch deutsch englisches Telefonat mit dem Airport… Ruhezeit, eine Stunde später wieder an der Rezeption.

Highlight dann unser lang geplanter Pflichttermin: 800 Gramm Steak mit Bier in Buenos Aires. Da war endgültig klar und offiziell, dass mein Vegetarier Sein eine auf fünf Jahre beschränkte, allen Lebewesen des Planeten gewidmete Lebensphase war. Selten so lustvoll ein totes Tier gegessen. Mein Karmakontogutpunktestand wieder ein bisserl abgesackt. Das war’s allemal wert. Beilagen hätten uns nur vom strategischen Ziel abgelenkt, der Rotwein half manchen Teammitgliedern die Angst vor dem eigenen, lauten Singen in einem doch recht noblen, gut besuchten Lokal inmitten Argentiniens restlos abzulegen. Unser Glück: Die Kellner mochten uns.

Ich würde lügen wenn ich schriebe, dass die unterschiedlichen Charaktere, Stärken und Schwächen im Team sich heute nicht gezeigt hätten. Lieber in der gemütlichen Großstadt als in einer antarktischen Eisschlucht will ich 45 Minuten lang im Stillstand über »Warten wir auf den Bus? Nehmen wir ein Taxi? Gehen wir doch zu Fuß weiter? Findet hier wer ein Café in der Nähe? Gehen wir zurück ins Hotel?« diskutieren. Entschiedenheit hilft. Ein Ja ist ein Ja, ein Nein ein Nein. Das gilt für mich ab sofort, und ich bin mir sicher, mit dem Entschluss nicht allein da zu stehen…

»Manche Freunde benutzen sich so halb und halb, nutzen einander aus. Wir machen das ganz anders: Wir nutzen uns voll aus« – den Satz ließ Andy heute so nebenbei heraus, als wir durch die Stadt zu Fuß zu den Steaks hatschten. So ist es. Nur wenn wir voll und ganz die Fähigkeiten des Anderen »anfordern« – »ausnutzen« – können wir als Team erfolgreich sein. Mit halben Sachen kommen wir nicht weiter, verrotten am Stand und verlieren die Nerven. An der Bushaltestelle zeigte sich heute genau diese Schwachstelle: Unentschiedenheit und falsch verstandene Rücksichtnahme! Wenn ich in meine volle Kraft gehe, ist es notwendig, selbstbewusst zu meiner Kompetenz zu stehen. Es bringt niemandem einen Vorteil – sondern allen einen Nachteil – wenn du aus Angst den anderen zu verletzen, zu überstimmen oder zu beleidigen mit deinem Wissen hinter dem Berg bleibst, nett tust und auf die Entscheidung des Anderen wartest, statt deine Meinung und Entscheidung klipp und klar zu sagen. Wir sind es uns schuldig, uns voll zu fordern! Uns gegenseitig zu benutzen. So wie Andy ständig einen von uns voll benutzt, ausnutzt, um sich von ihm navigieren zu lassen. Wir bekommen das hundertfach zurück.

Unsere Schisäcke sind am Abend eingelangt. Juhu. Aufatmen. Ohne unsere genialen Hagan Schi hätten wir in der Antarktis gar nichts weiter gebracht.

Wir bleiben heute noch in unserem europäischen Schlafrhythmus, um Zwei Uhr Nachts fliegen wir Richtung Ushuaia weiter. Also so zeitig wie möglich ins Bett, 19:00 Ortszeit bedeutet für unsere europäische Müdigkeit 23:00 – gute Nacht. Andy, Roger und Anda liegen schon flach, Frank und ich in wenigen Minuten.
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Tag 3 / 17.2.2016 / Buenos Aires – Ushuaia

Eins. In der Früh. Zu dritt im Zimmer, zwei Wecker legen zugleich los, Andys derber Scherz zwingt mich mit noch geschlossenen Augen zu lachen. 85 Kilogramm pure Erotik liegen im Bett neben mir. Auch Anda bewegt sich blitzschnell Richtung Lichtschalter und Badezimmer. So ist »gerne Aufstehen«. Freunde, Gesundheit und Träume – die drei Basis-Zutaten für ein glückliches Leben. Alles da.

Strömender Regen mitten in der Nacht. Die Straßen überzogen mit einem plätschernden See aus lauwarmem Wasser, die Luft weigert sich hier auch bei Regen und Dunkelheit abzukühlen. Transfer zum Flughafen, Checkin trotz massivem Übergepäck Dank des augenzwinkernden Aerolineas Argentinas Mitarbeiters problemlos. »Tolerance« sagt er und winkt die übergewichtigen Expeditionstaschen durch, ebenso markiert er unsere deutlich über den erlaubten 5 Kilogramm wiegenden Handgepäck-Rucksäcke mit dem »Checked – Aufkleber«. So ist Kooperation, so ist Augenmaß, so ist »Guter Wille« – so ist Freude.

Es ist der Zeitpunkt gekommen, meine Begeisterung über die Argentinier und -Innen klar auf den Punkt zu bringen: Überraschend europäisch, großartig gut gelaunt, wach und hilfsbereit, humorvoll und neugierig. Schön und pfiffig sowieso. Alle bisherigen Begegnungen passen in dieses Schema. Wiewohl ich mir sicher bin, der garantiert existenten, dunklen Seite des Landes bisher bloß noch nicht begegnet zu sein. In mir jedenfalls: Große Sympathie.

Hab Anda, Andy, Frank und Roger vor unserem nächtlichen Boarding bei Kaffee den gestrigen »Tag 2 Text« vorgelesen, sie kannten ihn ja noch nicht. Über die Busstationsgeschichte der Antarkisexpeditionshelden haben wir schallend gelacht, nach dem Absatz mit meiner Teamkritik in Sachen »Entschiedenheit« war »Schweigen« die Antwort. Momentan bin ich mir unsicher, wie diese Stille zu deuten ist. Mein Bauch sagt, dass es nie verletzend sein kann, die authentische Wahrnehmung zu sagen – wenn’s ohne den Anspruch »Recht haben« zu müssen daher kommt. Was verletzt ist die Manipulation, das egoistische Heruntermachen oder machtgeile, destruktive Kritisieren. Das Feedback dient der Entwicklung, der Entdeckung der Wirklichkeit und der Stärkung der Beziehungen.

Jetzt gerade im Anflug auf Ushuaia, Ortszeit 07:44. Ich wusste bisher – auch nach 47 Lebensjahren – nicht, wie laut ein Mensch schnarchen kann – zwei Reihen hinter mir röchelt ein Mann mit der Statur eines Eisenbiegers seit dem Rollen auf der Startbahn. In der Steinzeit waren schnarchende Männer extrem begehrt – dann sie hielten mit dem Lärm die tödlich gefährlichen Säbelzahntiger von der Gruppe fern. Auch das wird bald zu Ende sein. Der Sinkflug hat begonnen.

Ushuaia. Ilija Trojanow lässt in seinem Roman »Eistau« kein wirklich gutes Haar an der südlichsten Stadt der Welt. Wir bleiben eine Nacht, schlafen uns morgen weckerlos aus und am Nachmittag wird auf der Ortelius eingeschifft.

Seit gestern weiß ich Dank Facebook, dass mein Freund Josef vom »Kirchenwirt in Strobl am Wolfgangssee« zufällig auch heute in Ushuaia ist, seine Süd-Nord-Argentinienreise beginnt. Zuletzt spielte ich bei ihm daheim ein Open-Air-Konzert, auf der Seebühne. Auch im lauwarmen Regen. So perfektes Timing spielt nur das wirkliche Leben. Bin gespannt ob wir uns wirklich treffen.

15:30. Sitze allein in der Hotellobby, alle anderen ruhen in ihren Zimmern. Roger saß eben noch bei mir, plötzlich war er da. Und fragte mich nach meinen beiden Söhnen. Wenn es genau eine richtige Frage für diesen Moment gab – dann diese. Die Tränen waren sofort da. Gute Tränen, waschende und den Blick fürs Wesentliche schärfende Tränen. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Ich holte Luft und erzählte drauf los: Schwärmte von Lukas, wie er sein Maturajahr meistert, wie achtsam aufmerksam sensibel vernetzt denkend und fühlend er ist. Wie gut er zuhören kann, schnell begreift und begeistert umsetzt. Und ich schwärmte von David, dem jüngeren Sohn. Wie sehr ich es liebe, dass er nach Schulabbruch vor eineinhalb Jahren begann mit mir in meiner Firma zu arbeiten. Was für ein verlässlich, scharfsinnig, mutiger, wortgewaltiger Lehrling er seit diesem Schuljahr ist. Wie großartig er Feedback gibt, was für ein Potenzial in ihm steckt. Und wie gut wir es schaffen, uns Vater und Sohn zu sein und zugleich als Meister und Lehrling zusammen zu arbeiten.

»Mit dem Papa arbeiten, das geht ja gar nicht« – ach wie oft hörten wir diesen Satz schon. Es geht nicht nur – es ist das Schönste auf der Welt. Das Sinnvollste, das wir beide derzeit gemeinsam tun können. Ich gebe mein Wissen weiter – er saugt es auf – und wir verbringen so viel Qualitätszeit zusammen. Zeit, die wir durch die Scheidung vor 12 Jahren nicht gemeinsam für uns hatten. Es ist nie zu spät. »Es geht nicht darum, den Zeitraum zu verlängern, sondern darum, ihn zu komprimieren.« – stand vor wenigen Minuten in Devis Nachricht an mich. Als Antwort auf meine Angst, nicht ewig Zeit zu haben.
Merke, dass es ein langer Text wurde – für einen kurzen hatte ich heute keine Zeit.

Tag 4 | 18.2.2016 | Ushuaia – Hafen, Schiff

Stiller Tag heute. Gestern Abend merkten wir alle, wie müde wir sind. Der zu Beginn – bewusst zu Gunsten unserer Reisezeiten – übertauchte Jetlag meldete sich gnadenlos. Alle zeitig ins Bett und lange geschlafen. Heute bisher nur »gechilled« – wie das meine Söhne so zu sagen pflegen. Josef vom Wolfgangsee zum Frühstück bei uns, er ist jetzt schon auf dem Weg in den Naturpark.

Unseren Reiseveranstalter und Bergführer haben wir gestern noch zum Abendessen getroffen, erstes Beschnuppern und ein Frage – Antwort Exzess. Andy und Anda fragten ihm Löcher in den Bauch, wir drei lauschten müde aber aufmerksam: »Wie ist der Schnee? Wo legen wir an? Welches Kartenmaterial gibt es? Wie kommen wir in die Schlauchboote? Welche Ausrüstung nehmen wir mit? Wo warst du schon? Wie ist das Essen am Schiff? Wer kommt noch mit? Wann ziehen wir die Schischuhe an? Welche Regeln gelten für die Antarktis? Dürfen wirklich keine blinden Passagiere an Board?… «

Für mich als Stadt- und Waldmenschen ein Eintauchen in eine mir doch noch fremde Welt. Mir fällt die sehr funktionale, technische Sprache auf – ähnlich meiner Erinnerungen an die Militärzeit. Fragen und Geschichten über Gefühle oder zu persönliches scheinen in dieser Berg-Männerwelt eher sekundär zu sein. Am Anfang jedenfalls, denke ich mir. Gefragt wurde ich bisher noch gar nichts, was meine ängstlich vorsichtige Gefühlssituation nicht verbesserte.

Ich bin einfach ein bisschen ein Warmduscher und Frauenversteher, brauche das »zwischen den Zeilen lesen«, das Beschnuppern und »Riechen können«. Für mich ist »Einlassen können« keine Frage von Vorschussvertrauen, sondern das Ergebnis von »Herz, Bauch und Hirn Ausgewogenheit«. Da bin ich hoch sensibel: Nur wenn Wort, Bild und Gefühlswahrnehmung übereinstimmen, lasse ich mich ein. Weil nur dann echte Partnerschaft entsteht, weil nur dann Führung gut gelingt. Ich bin dann gut zu führen, wenn ich mich voll und ganz verstanden fühle. Die selbe Kraft ist es – einmal verwende ich sie um mich abzugrenzen und mich ja nicht Fremd-Führen zu lassen, im anderen Fall verwende ich diese Kraft für meine Hingabe, für mein Einlassen und Überlassen. Dann bin ich frei fürs Wesentliche, für das was meine Aufgabe ist. Genau das ist die Qualität von Teamführung, die ich meine. Darauf freu ich mich.

»Da werden wir menschlich sicher noch tiefer rein kommen, unterhalb der Oberfläche unserer Heldengeschichten und technischen MacGyver Welten.« – denke ich mir. Und freu mich auf die nächsten Tage…

Für jedes Problem der Welt gibt es eine technische Lösung. Wie sehr kenne ich das aus meinen gut 20 Jahren Wirtschaftserfahrung! Irgendwie stimmt es ja, dass es einen Hammer, eine Software, eine neue wasserdichte, einseitig winddurchlässige Membran-Textilfaser oder sonst eine technologische, innovative Erfindung zur Problemlösung braucht. Aber nicht NUR.

Wir sehen das ja diese Tage beim Thema »Flüchtlinge« – Zäune, Hotspots, Regeln, Kriterien, Ober- und Untergrenzen. Zahlen, Daten, Fakten. Rein funktionale Lösungen für urmenschliche Probleme. Ich drehe den Satz aber gerne um: »Für jedes Problem gibt es immer auch eine emotionale Ursache. Ein Beziehungsthema, ein Mangel an Bewusstsein oder ein zu Viel an Egoismus« – Wir tendieren kollektiv männlich dazu, emotionale Probleme ausschließlich technisch zu lösen. Was somit zur Ursache und nicht Lösung unserer Probleme wird… Gute Lösungen beziehen sich auf beide Aspekte. Beziehung und Funktion.

Spätestens bei der Frage nach dem zu erwartenden Wellengang in der »Drake Passage« – immerhin eine der stürmischsten, wildesten, gefährlichsten Stellen der Weltmeere – wurde es in uns allen emotional. Das Spannen von Seilen und Aufkleben von »Seekrankheitsohrenpflastern« war natürlich sofort mal als technische Lösung am Tisch, doch damit werden die Befürchtungen und Ängste nicht bewältigt. Unser heutiger Ruhetag ist die Antwort auf diese Anspannung in uns. »Manda, stell ma uns auf a besondere Nacht am Schiff ein« – sagte Andy beim gemeinsamen Frühstück. »Geb ma unsren Körpern heute mal a Ruhe.«

Und so genießen wir die Stille, trinken viel Wasser und machen scheinbar »Nichts«. Und das ist sehr viel. Wir bereiten uns innerlich auf den nächsten Schritt unserer Reise vor. Andy dirigiert Roger und Anda gerade neben mir bei der Vorbereitung der Kurzwellenfunkantenne, die Kabel müssen auf Millimeter genau abgelängt sein.

Äußerlich werden wir in ein paar Stunden froh sein über unser geniales Gewand von Ortovox- wenn wir vor Wind, Kälte und jeder Menge Nässe geschützt an Deck der Ortlelius stehen – mit den Blicken in Richtung Süden. Die Hardshell Jacken und Hosen liegen schon bereit, die Dachstein Schuhe ebenso.

Anda recherchierte zuerst neben mir die nautische Wettersituation auf www.passageweather.com und es schaut ganz gut aus für uns, Wellen zwischen 3 und 12 Metern sind am Schirm.

Am Schiff wird die Internetverbindung wahrscheinlich problematisch, wir sind auf Iridium Satelliten Kommunikation angewiesen, große Datenmengen so gut wie unmöglich. Ich schreibe weiter – bis bald! Und: Danke für euer gewaltiges Feedback, wir alle freuen uns drüber. Auch die Idee mit dem Buch reift in mir.

Der kalte Wind bläst uns um die Nasen.

Wir sind auf der Ortelius, Kurs Antarktis. Internet ist bis auf weiteres keines, wir arbeiten an einer Satelliten Lösung für Textübertragungen. In Wirklichkeit das Beste, das uns passieren kann. Auf ins ewige Eis, die Drake Passage will uns kennen lernen, stürmische Nacht angesagt. Senden dieses Posting mit Chilenischen Mobil Netz…

Tag 5 | 19.2.2015 | Drake Passage

7. Uhr. 30. Durchsage über den krachenden Kabinenlautsprecher. Alles schwankt. Wir wachen langsam auf. »Manda! Das ist alles nur Seemannsgarn.« – mit diesem definitiv sinnlosen Satz hantelt sich Andy in die Tagwache, schafft’s damit mittelmäßig gut uns zum Lächeln zu zwingen. Es war auch egal, was er sagte. Es ging ihm um etwas ganz anderes: Die Gruppe zu verbinden, Reaktionen zu checken um zu erfahren ob alle fit sind.

Einer nach dem anderen kriecht aus seinem schmalen Bett und verschwindet im 2 Quadratmeter kleinen Bad. Erst Anda, dann Frank, dann Andy, zuletzt ich. Frühstück um 8. Bärenhunger. Dann erste Einweisung für die Touren durch den Bergführer. »Gletscherspalte« wird schön langsam zu meinem Lieblingswort…

10:30. Andy schwitzt. Zuviel gefrühstückt oder der Wellengang – warum auch immer. »Wenn mein Körper mit der Temperatur reagiert, stimmt was nicht« – sagt Andy an der Kaffeebar neben mir. Tanja, die Schiffsärztin, ist wie immer nah bei Andy. »Leg dich hin, Andy« – gesagt, getan.

Jetzt sitzen Anda, Frank und Tanja in einer Reihe auf der gepolsterten Restaurantbank. Andy liegt zwischen Tanja und mir am Rücken, seine Beine über ihren Oberschenkeln, sie hält seine Füße. Es dauert keine Minute und unser Gespräch beginnt. »Das mit der Unabhängigkeit ist der größte Schwachsinn« – sagt Andy. »Wir sind alle voneinander abhängig.« – und viel zu oft versuchen wir unsere Schwächen zu verstecken, zu überspielen, wodurch es erst so richtig schlimm wird. Rechtzeitig erkennen, was sich ankündigt, die Zeichen der Zeit, die Zeichen des Körpers, wahr- und ernst nehmen. Dann gelingt es oft, das Problem, den Kreislauf, den Konflikt noch rechtzeitig einzufangen. Stille kehrt ein. Andy geht’s besser.

Wir lachen. Der Schmäh rennt. Tanja erzählt warum sie als Medizinerin am Schiff arbeitet, dass sie ihren Mann schon so lange kennt und liebt, dass ihr Mann und sie Arztpraxis nahe Frankfurt verkauft haben – und warum auf ihrer Trinkflasche »Schön dass es mich gibt« steht. Wieder entsteht ein Teil unserer Reise aus einer Begegnung. So wie alles aus Beziehung entsteht. Alles. Andy geht’s jetzt wieder gut. Übrigens: Keiner von uns ist seekrank.

Seekrankheit bricht aus, wenn der Körper auf den Verlust von Orientierung mit Übelkeit reagiert. Die Krankheit bricht aus, wenn du dich in der chaotischen Welt um dich herum verlierst. Wenn du die Kontrolle verlierst. So wie auch im täglichen Leben – bloß bedienen wir uns im Alltag lauter bequemer Scheinsicherheiten.

Wir nehmen an, dass die Gesellschaft, die gewählte Partei, die Hochzeit, die fix gefasste Meinung oder der Dienstvertrag uns stabile, statische Anhaltspunkte sind. Wir stellen diese Sicherheiten dann aus Bequemlichkeit nicht mehr in Frage. Dank der uns Menschen angeborenen Fähigkeit zur Verdrängung gelingt uns das leider hervorragend.

Würden wir alle bewusst anerkennen, dass es keine Sicherheiten gibt – wir würden uns im Idealfall ständig weiterentwickeln, hellwach achtsam reaktiv präsent sein und an diesen Unsicherheiten wachsen. »Genau so ist Bergsteigen!«- ruft Andy spontan, als ich ihm den Text hier vorlese.

Die Realität zeigt leider meist das Gegenteil: wir degenerieren, stagnieren, projizieren unsere verdrängten Ängste und werden gesellschaftlich seekrank. Ich meine damit, dass unsere Gesellschaft eigentlich ständig am Kotzen ist, süchtig nach Drogen und Verführern, die uns so lange stumpf machen und anlügen, bis die Übelkeit verschwindet. Zum hohen Preis der Dumpfheit des Geistes und Sehschwäche. Genau das sind die Wirkungsweise und Nebenwirkungen des gegen Seekrankheit wirksamen Medikament – Wirkstoffes »Cinnarizin«…

Ich übe mich – so wie Andy sich schon sein Leben lang – darin, mich ständig im Jetzt zu orientieren, jeden Augenblick auf’s Neue. Tanze mit den Wellen, sehe das Heben und Senken der Wellen vor meinem geistigen Auge und reagiere darauf. Stelle mich immer wieder in Frage und kappe etwa alle drei Jahre meine beruflichen Sicherheitsleinen. Um immer wieder aufs Meer des Lebens raus zu fahren, neue Potenziale und tiefere Schichten meiner Berufung zu entdecken.

Heute früh ist’s mir wahrscheinlich gelungen, unser Datenübertragungsproblem zu lösen. Georg Kindel’s brandneues Magazin OOOM wird ja in der März Ausgabe groß über unsere Reise berichten, bis spätestens 26.2. müssen (!!) dazu die hoch aufgelösten Bilder in Wien sein. Da sind wir jedoch noch am Schiff. Ich traf zuerst den Schiffsmanager an der Rezeption. Erzählte ihm von unserer Abenteuer und dass der »blind climber« Andy Holzer unser Teamleader ist.

Das wusste er natürlich schon längst. Dann gab ich ihm Feedback zu seiner gestrigen Sicherheits-Einweisung: Wir fanden seine strenge, unsympathische Art uns die Schwimmwesten und Evakuierungswege einzudrillen perfekt und stimmig. Ich dankte ihm für seine Klarheit. Dann bot er mir spontan an, die großen Bild-Dateien über den internen Schiffs-Account zu versenden. Ohne es zu beabsichtigen, wendete ich die Erfolgsformel des Lebens an: Begeisterung übertragen, Wertschätzung schenken, um Hilfe bitten & den übergeordneten Sinn benennen. Das Wichtigste dabei: Das rechte Maß im Auge behalten. Die dadurch aufgehenden Türen niemals egoistisch ausnutzen.

Nun zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens: Dem Kurzwellenfunk. Heute haben wir den idealen Platz für unsere Dipol-Antenne ausspioniert. Gleich neben der Hubschrauber-Plattform. Jetzt arbeiten wir mit Nachdruck an der Erlaubnis des Kapitäns. Heute haben Andy und ich die dritte Offizierin auf der Brücke besucht und sie mit der bereits bewährten Erfolgsformeltaktik für unser »Funkprojektl« begeistert. Sie wird den Kapitän fragen und für uns eine Funkerlaubnis bewirken…

Für heute genug geschrieben. In der Nacht von Sonntag auf Montag Früh landen wir an der Antarktisküste.

Übertragen via Irridium Satelit (sauteuer aber langsam)‪‬‬‬

Eilmeldung aus der Antarktis: An alle Funkamateure! Andy geht in Kürze auf der Ortelius im Antarktischen Gewässer in die Luft. Unter dem Rufzeichen OE7AJH/MM wird er auf 21 bzw. 14 MHZ in SSB QRV sein.

Tag 6 | 20.2.2016 | Drake Passage Antarktis

Eisiger Wind und deutlich wilderes Meer als gestern. Nebel. Wir werden heute Abend erste Eisberge erreichen. Noch immer keiner von uns seekrank. Andy funkt seit Stunden Am Heck des Schiffs – doch dazu später.

Ausrüstung fit für die Antarktis, Einschulung in die strengen Naturschutz-Regeln des so wenig vom Menschen berührten Kontinents. Unsere Bekleidung von organischen Spuren wie Pflanzensamen, Distelkletten und Schmutz befreien, alles penibel absaugen und die Standards unterschreiben. Ein von Organisation geprägter Tag. Auch. Nicht nur.

Mein Traum heute Nacht. Er beschäftigt mich. Ich sah eine Flotte silbergrauer Kriegsschiffe vor den antarktischen Eisbergen kreuzen. Lautlos. Bedrohlich. Ich fühlte Erschrecken und Erkenntnis – im Traum. So als ob ich auf etwas drauf gekommen wäre, etwas das schon immer da war, entdeckt hätte, es endlich sehen würde.

Vielleicht der Traum, weil ich jetzt weit genug weg bin von unserem Wahnsinn der egoistischen, unspirituellen Gesellschaft, krankhaft gierigen Wirtschaft, von den sonst im Alltag so omnipräsenten Kriegen in Syrien, Ukraine und sonst wo, den Attentaten voller Unmenschlichkeit und Lebensverachtung, von der europäischen Flüchtlingskatastrophe.

Weit genug weg von unserer Politik der hartherzigen Dummheit. Weit genug weg von Autobahnen, Umweltverschmutzung, Hochhäusern, SVA Vorschreibungen, Registrierkassenpflicht und Hitradio Ö3. Weit genug weg von der an Wahnsinn erkrankten Gesellschaft.

Vielleicht, weil mein Gehirn, mein Herz und meine Seele hier nahe dem südlichen Polarkreis dem urwilden Meer ausgeliefert endlich weit genug weg ist um sehen zu können wie krank wir Menschen sind. Wie wir uns Tag ein, Tag aus an den Krieg, an Bilder des Leides gewöhnt haben, Bombardements, Zäune und Obergrenzen als menschliche Lösungen akzeptiert haben. Menschsein verlernt haben. Was diese Reise jetzt schon in mir bewirkt hat ist: Demut. Alles rund um mich hier ist mächtig, stark und mutig. Und ich als Mensch habe hier nur eine Chance zu Über-Leben: Mich nicht zu wichtig zu nehmen, mich anzupassen. Die Größe und Kraft unsere Erde begreifen…

Andy und ich sind heute direkt zum Kapitän. Warten auf eine Antwort, die vielleicht nie kommt, wollten wir nicht mehr. Jetzt oder nie – »To funk or not to funk? That’s the question!«

Zustimmung bekommen – und dann ging’s Schlag auf Schlag: Team aktiviert, Equipment zusammenstellen, unerlaubte Leitern erklimmen, die OOOM Fahnenstange dient als Antennenmast, Kabel verlegen, meterweise Klebeband, Strom abzweigen. Und!? Andy war online. Funksprüche mit Italien, Ghana, Argentinien, Südafrika, Deutschland,… Seither ist er nicht mehr aus dem Heck des Schiffs zu bekommen- auf Deck 6 haben wir die neue Kommunikationszentrale in einem Lagerbereich eingerichtet. Das ist neben dem Bergsteigen seine leidenschaftliche Art die Welt zu entdecken. Im besten Sinne: wie ein Kind.

Das Meer zeigt sich uns jetzt wie kochendes Wasser, blubbernd, schäumend, schwankend, drohend. Wir kommen ganz bald an. Erste Wale gesichtet. Eisige Kälte peitscht uns in die Gesichter.

Heute bin ich weniger in Schreiblaune als sonst, stiller und nachdenklicher, ein wenig traurig und – eben demütig. Die Erde bebt.

In einer Stunde gehen wir von Bord – das ewige Eis ist nicht mehr weit entfernt …

Tag 7 | 21.2.2016 | Antarktis
Alle gesund. Essen gut. Wetter schön.

Tag 8 / 22.2.2016 / es ist die Antarktis

»Alle gesund. Essen gut. Wetter schön.«

Das war mein gestriges Facebook Posting zum Tag 7. Plus das Foto von der Seilschaft-Schitour. Wenn ich damals als Kind den Eltern nicht preisgeben wollte, wie es mir am Schikurs oder – noch schlimmer – am Sommerlager der Pfarre – wirklich ging, schrieb ich diese Worte auf eine dieser Hochglanzpostkarten. »Alle gesund. Essen gut. Wetter schön.« Das war dann jedenfalls keine Lüge. Vielleicht nicht die ganze Wahrheit, aber ein wesentlicher Teil davon. Und, es waren für die sich eh schon so fürchtenden Eltern »gute Nachrichten, beruhigende Nachrichten«. Genau darum ging es uns Kindern ja: Die Eltern immer schön brav glücklich machen, brav sein und so wenig wie möglich Watschen, Hausarrest und Taschengeldentzug ausfassen…

Sinnlos also, unsere Lieben daheim in Angst und Schrecken zu versetzen. Frank fragte mich, als wir dann wieder zurück von der Gletscher-Tour beim Zodiac Schlauchboot waren, in seiner unverwechselbar einmaligen, sanften Art: »Welchen Text schreibst du denn heute?« – Frank ist einer der wenigen mir bekannten Menschen, die mit Schweigen oder eben ganz wenigen Worten alles sagen können. Sein »Alles – gut« wurde längst zum Slogan unserer Reise.

Doch jetzt mal langsam und ganz von vorne weg: »Pilotreise – Schitouren in der Antarktis« – das haben wir gebucht. Mit dem Schiff Ortelius in die Antarktis, um dort vom Veranstalter organisierte, genehmigte und gesicherte Schitouren entlang der Schiffsroute zu gehen. Das Schiff: unser schwimmendes Hotel – und wir täglich ein- bis zweimal mit dem Zodiac an spezielle Orte an Küste. Ein wenig dekadent, sehr sinnlos – und deshalb genau das Richtige für uns. »Durch all diese so sinnvollen, gut gemeinten, vernünftigen und vor allem ernsten Handlungen wurde die Welt bisher auch eher schlechter als besser. Jetzt mach ich mal was vollkommen sinnloses, teures, egoistisches.«

Meine neue These: je mehr ich mich spiele, meine Freude vergrößere und neugierig bin, desto weniger Schaden richte ich auf dieser Welt an. Deshalb bin ich hier.

Unser Bergführer bindet uns gleich nach der Überfahrt zu dieser kleinen, von riesigen Gletschereismassen überzogenen Insel in eine Sechser-Seilschaft ein. Er vorne weg, Andy 6 Meter dahinter, weitere 6 Meter dahinter ich, dann Frank, dann Roger und als letzter am 50 Meter Seil dann unser Anda. Nach ein paar Bindungsproblemen ziehen wir mit unseren Tourenschiern bergauf an Pinguinen und Robben vorbei, die Luft voller Gestank der Vogelscheisse, der Schnee rot und grün von den Exkrementen der Tierwelt gefärbt. Die Szene erschien mir – vorsichtig gesagt – ein bisserl strange. Unsere erste von 10 geplanten Touren hat endlich begonnen. Alle gesund. Essen gut. Wetter schön.

Wir ziehen gut bergauf, das ist es worauf wir uns so lange gefreut haben. Mir wird’s immer wieder schummrig, sobald ich rechts hinauf schaue. Hinauf zu dieser riesigen Eiswand, durchsetzt von Rissen und voll dieser strahlend blauen Eisfarbe, genau so, wie ich es seit Kindheitstagen her von den süssscharfen Gletschereiszuckerln kenne. So ist Antarktis. Wir überqueren überschneite Gletscherspalten – der Bergführer sagt sie uns an. Immer am straffen Seil. Mann zu Mann zu Mann perfekt gesichert. Selbst wenn einer von uns einbrechen würde – die Seilschaft hält ihn. Ich orientiere mich sehr konzentriert an Andy, wir sagen uns ab und zu unsere Gedanken. Und ja: ich hatte Angst. Dieses Gefühl, wo du unvermeidbar die Arschbacken zusammenziehst, wenn du einfach nur hoffen und glauben kannst, dass der Boden unter deinen Füßen hält, was er verspricht.

»Nur die Furchtlosen stürzen ab.« – sagt Andy. Den Satz kenne ich gut, hörte ihn erstmals von Andy während unserer Klettertour damals, in den Osttiroler Dolomiten. Hellwach sein ist die Antwort. Achtsam und im Augenblick voll da. Angst warnt uns. Angst ist kein Stoppschild.

Gipfel in Sicht. Eine breite, weiße Kante am Ende des Schneefeldes markiert den Gipfelsieg, der Bergführer als erster dort. »Kommt’s nach. Hier gibt’s gute Aussicht. Bis hierher und nicht weiter, sonst wird’s gefährlich.« ruft er uns entgegen. Andy kommt nach, stellt sich mit schlaffem Seil rechts neben ihn, dann komme ich ebenso an – und stell mich neben Andy.

»BERG HEIL« sage ich – und kaum ist das »L« von Heil aus meinem Mund… Ein Kracher, ein gletscherblauweiß aufblitzender Kreis am Boden rund um des Bergführers Standplatz – und »flutschzischkrach« saugt ihn die Erde in sich hinein. Andy spürt das, ich sehe es, packe Andy am Oberkörper und wir werfen uns mit einem Satz nach hinten. Das Seil saust von uns weg, spannt plötzlich gewaltig und Andy fängt als erster den vollen 6 Meter Fall über n den Gurt und seine nur 20cm neben dem Durchbruchsloch in den Schneeboden gedrückten Beine ab. Es war nur eine Millisekunde, die Andy und mir klar machte, was passiert. Frank, Roger und Anda realisierten wenige Sekunden später was los ist.

Es war eine Stunde die wir brauchten, um Ihn zu bergen. Mit luxierter Schulter war er primär durch Anda und Andys Bergekönnen und unseren Zusammenhalt als Team nach mehreren Anläufen endlich wieder heroben.

Diese eine Stunde. Ich werde hier keine Details andere betreffend schildern, zu intim, grenzwertig und vertraulich war dieses gemeinsame Erlebnis. Was wir vor wenigen Tagen an der Bushaltestelle in Buenos Aires erlebten, als ich dann schrieb, diese Teamerfahrung lieber in der sicheren Stadt als in der gefährlichen Antarktis zu erleben – all das ist wirklich geschehen. Jeder in seiner größten Kraft. Jeder im Jetzt. Alle mutig und konzentriert. Wir alle fünf waren voll in unserer Verantwortung. Bewusst.

Es gab diesen einen Moment, an dem ich mich bekreuzigte. Wo ich mit meinen Fäustlingen rauf zu meinem Herzen, runter zu meinem Solar Plexus, Links zur Brust und rechts zu Brust griff. Ohne zu denken, ohne zu wissen was ich tue. Es bekreuzigte mich.

Den Bergführer hat Tanja, unsere Schiffsärztin, mit allem was hier am Schiff zur Verfügung steht versorgt. Heute – am 8. Tag – war er wieder auf den Beinen. Unser Unfall- und Rettungsbericht ist beim Kapitän.

Für uns bedeutet es jetzt Planänderungen und teils zähe Verhandlungen mit dem Expeditionsleiter – ohne Bergführer gibt ein rechtliches Problem uns an Land und auf die Gletscher zu lassen…

Am Abend funkte Andy zur Entspannung ein paar Kurzwellen in die Welt, ich trank drei Dosen Bier, die anderen ein paar Cola. Wir redeten viel darüber. So ist Teambuilding ohne Flipchart und Klettergarten.

Sitze jetzt gerade – am Nachmittag des Tag 8 – allein an Deck der Ortelius, rund um mich Meer und rundum 500 Meter Radius entfernt reinweiße Eisberge und Gebirge. Die vier sind zu einer Tour aufgebrochen, ich sehne mich nach Ruhe. Auch wenn wir alle die Bilder der Antarktis kennen: Es ist wie in einem Traum hier. Ein Kontinent der Urkraft. Mein Selbstauslöser gerade jetzt.

Alle gesund. Essen gut. Wetter schön.

Tag 9 | 23.2.2016 | Antarktis

Barbecue. Am Helikopterlandeplatz. Zwei rauchende Griller. Freibier. Glühwein. 500 Watt Musikanlage. Biertische an Deck. Sonne perfekt, um die Null Grad – selbst für antarktischen Sommer viel zu warm. Paradies Harbour. Rundum ewiges Eis. Der Schiffsdiesel wummert. Spanische Schneeschuhtouristin tanzt mit kanadischem »One Night sleeping in Antarktis Camper« zu irgendwelchen Allerweltsliedern. Das frisch vermählte Brautpaar aus den USA trinkt Champagner, sie hatte den Wunsch das »Ja Wort« dort zu sprechen, wo die monogamen Pinguine leben. Weißes rückenfreies Kleid, saukalt zwischen Pinguinen, Iridium Satellitentelefon für die Direktleitung zum Pastor, Kameramann dabei – Hochzeitsnacht inmitten der Campergruppe.

Russische Taucher feiern lautstark, die philippinische Küchencrew darf endlich an die frische Luft und gegrilltes servieren. Roger ergreift als erster die Flucht, sehnt sich nach Ruhe. Das Schiff tuckert mit Standgas langsam im Kreis – die Sonne knallt herunter, herabstürzende Eismassen krachen, ein Seelöwe schnauft zischend vorbei. Wenn ich nicht sicher wüsste, dass es wirklich so ist – es wirkt wie in einem sehr schlechten, oder extrem guten Film – alles eine Frage der Perspektive. Das Alles? In die Antarktis etwa so gut passend wie Ketchup zu Gummibärchen. Schlimmer geht immer: »Modern Talking. Cheri Cheri Lady«. Das fällt unter schwere Körperverletzung. Die schon leicht beschwipste Schneeschuhkatalonin setzt sich zu uns: »why dont you dance?«…

Ich würde es so gerne verschweigen. So gerne nur von keimfreien Gletscherspalten, wilder Drake Passage, Urgewalt der unberührten Natur, Walen, Walrossen, Robben und Millionen glücklichen Pinguinen erzählen. Von Abenteuer zwischen Leben und Tod, Entdeckung des Wesentlichen hier am südlichsten Zipfel unserer Erde. Auch das ist wahr. Auch. Aber nicht »nur das«…

Wenn hundert Passagiere gutes Geld bezahlen, um die Antarktis für sich zu entdecken – dann gibt es 100 verschiedene Geschichten und Motive dazu, hier zu sein. Diese alle unter einen Hut zu bringen ist schwer, aber nicht unmöglich. Der Veranstalter ist abgebrüht. Es ist ein gutes Geschäft, Menschen sicher hier her zu bringen. Bezahlt wird das alles in einer Mischwährung aus: Neugierde, Eitelkeit, Lebensfreude, Selbstsuche, Sinnlosigkeit, Spaß und Stolz.

Es ist eine gewaltige Leistung, Menschen und Maschinen sicher durch diese Naturgewalten in Richtung Südpol zu schiffen.

Der Koch Christian ist Österreicher, Steirer. Er zaubert mit dieser Küchencrew. Wir werden verwöhnt, es ist ein schwimmendes, gutes Hotel. Die Ortelius Crew bringt – seitdem wir in der Antarktis sind – hundert Passagiere täglich zwei mal mit 7 Schlauchbooten sicher an die Küste, transportiert Tauchequipment, unsere Schi, Zelte und Dutzende Paare Schneeschuhe an im Vorfeld nie wirklich bekannte Anlegestellen. Großartig.

Was ich jedoch keiner Reederei empfehlen würde: »Unterhalte mich mal, ich hab viel Geld dafür bezahlt – Touristen« in ein und der selben Schiffs-Expedition mit »Bring mich sicher in die Antarktis, den Rest mache ich selbst vor Ort – Sportlern, Entdeckern und Abenteurern« zu mischen. Und diese dann über einen Kamm zu scheren. Der australische Expeditionsleiter versucht mit seiner in uns fünf mittlerweile Aggression auslösenden Animateur-Penetranz unaufhörlich diese gute »Club Med Stimmung« aufzuzwingen, bleibt schmerzvoll an der Oberfläche, presst alles in seinen Aktivitätenplan und schafft leider keinen einzigen Satz ohne über Pinguinkacke zu scherzen. Wobei »Scherzen« weit übertrieben ist. Hätte er auch nur ansatzweise die Fähigkeit zum Individualservice und Krisenmanagement in sich – er wäre spätestens nach dem Unfall und Ausfall unseres (einzigen) Schitourenguides sicher unser bester Freund geworden. Das Gegenteil ist der Fall. Wir helfen uns selber, fühlen uns sehr im Stich gelassen.

Dass wir an den unerwarteten Schwierigkeiten wachsen und sicher den meisten Spaß von allen hier am Schiff haben – verdanken wir unserer Grundeinstellung: Wir richten es uns. Improvisieren gut. Wir schauen nach vorne und nur kurz zurück. Wir kennen unsere Grenzen. Wir schweigen gut gemeinsam. Wir sagen was wir uns denken und halten zusammen. Wir sind mittlerweile fünf echte »Waschln« geworden…

Alles-gut.

Tag 10 | 24.2.2016 | Antarktis

Sonnenuntergang. Die Erde brennt, der Himmel glüht. 22:10 Ortszeit.

Ich stehe mit Andy am Bug der Ortelius, wir bewegen uns nach Westen. Eisberge. Gletscher. Orkas. Diese Reise wirkt. Schon jetzt. Unser Antarktis Ausflug geht zu Ende. So sanft wie bei der Herfahrt erwartet uns das Meer bei der Rückfahrt nicht. Ab morgen schiffen wir wieder durch die Drake Passage Richtung Argentinien. Ushuaia – Buenos Aires – Madrid – München in einem durch. Dann mit dem Auto nach Wien. Am Morgen danach mein erster Termin mit Führungskräften. Thema des Meetings: Verantwortungsbewusstsein, Nachhaltigkeit, Sicherheit und Führung. Passt wie die Faust aufs Auge.

Der Absturz unseres Bergführers veränderte alles, unsere Pläne waren ab dem ersten Tag im Eis Vergangenheit und unnütze Theorie. Weitaus mehr Wasser als Schnee und Eis unter den Beinen gehabt, viel wärmer als erwartet, wunderbare Schitouren erlebt. Tierwelt erdrückend schön: Wie Schönbrunn ohne Zäune – Pinguine, Robben, Albatrosse und Wale – nur halt ohne Eisbären. Eismassen, Gletscher voller Spannung und Rissen. Natur pur. Mitten drin statt nur dabei.

»Gibt es das, was wir uns erträumt haben, überhaupt?« – fragte mich Andy heute Abend. Gibt es eine ruhige, achtsame, gut organisierte Schiffsreise in diese Gegend überhaupt – jenseits von touristischem Verkehr? Wir glauben es nicht. Entweder so, oder volles Risiko alleine tragen, allein in die Wildnis. Beides geht nicht. »Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht Sklave.« – Aristoteles soll das gesagt haben.

Und irgendwie waren wir – bei aller genialer Freiheit in der Wildheit hier – immer wieder auf uns selbst angefressen, weil wir innerhalb der gebuchten, bequemen Sicherheit unsere Freiheiten opfern mussten. Ein bisschen »duschen ohne nass zu werden« müssen wir uns schon auch eingestehen. »Lasst wenigstens die Antarktis in Ruhe« – Jemand schrieb diesen Kommentar unter meinen Blogbeitrag.

Dieser Kontinent ist wild, unsicher und unkäuflich. Mensch müsste ihn schon zerschmelzen, um ihn zu zähmen. Daran arbeiten wir ja längst selbstzerstörerisch. Solange Wasser in all seinen Erscheinungsformen dominiert, bleibt die Antarktis für uns übermächtig. Ich bin – jetzt wo ich mitten drin bin – gegen jede Form der touristischen Vermarktung dieses Kontinents. Menschenmassen haben hier nichts zu suchen. »Organisierte Schitouren passen hier in Wirklichkeit auch nicht her« – Denke ich mir gerade. Echte Expeditionen – immer willkommen. Die Antarktis zeigt uns vor, was von der Schöpfung ursprünglich gemeint war: Tosende Stille.

Ich lasse es jetzt mal so stehen, hab die Ahnung dass sich dazu bald ein Lied einstellen wird…

»Sind sie Landsleute?« – fragt die freundliche Deutsche neben mir, als ich am Felsen sitzend auf die Überführ warte. »Eher Nachbarn« – antworte ich. Was ich so mache, will sie wissen. Erzähle ihr gerne von meinen drei Berufsaspekten: Coach, Berater, Liedermacher. »Sind sie Medizinerin vom Beruf?« – fragt Andy einfach so quer ins Gespräch hinein. Was auch immer ihn zu der Frage bewegt hat. »Ich sage meinen Beruf so ungern. Ich werde dann immer schief angeschaut.« – sagt sie.

»Ja sicher eine Bankerin« – kommt in mir hoch, doch sie ist schneller: »Ich bin Politikerin. Ich war im deutschen Bundestag. Bin jetzt aber in Ruhestand. Ich habe die Politik nicht mehr ausgehalten.« – daraufhin folgte ein großartiges Gespräch zu »Politik, Krieg und Frieden«. Ernüchternd. Erschreckend. Aufweckend. Berührend.

»Wenn du die mächtigste Oberchefin der Welt wärst: was würdest du ändern!?« – war eine meiner vielen Fragen an sie… »Ich würde den Menschen erklären, dass es keinen finalen Frieden auf der Welt gibt, aber dass es einen Prozess mit diesem Ziel geben muss. Ich würde für klare Grenzen sorgen. Grenzen beschützen die Menschen, ohne klare Grenzen gibt es immer Konflikt – vor allem im Inneren. Ich würde in den Ländern, die aktuell am meisten kriegsgefährlich brodeln, ganz viel in Bildung und ökonomische Entwicklung investieren. Bildung ist immer noch der beste Schutz gegen Hetzer und Verführer. Die braune Soss kocht gerade gefährlich auf. Und zuletzt: Ich würde aktuelle, tief verfahrene Kriege ohne externer Einmischung »austragen« lassen, bis alle Parteien erschöpft sind. Auch wenn das sehr, sehr unmenschlich erscheint – es ist der einzige Weg für einen friedlichen Neuanfang auf Augenhöhe.«

»Gibt es Menschen auf der Welt, die definitiv Krieg wollen? Was steckt hinter der Flüchtlingskrise? Was ist dran an „Refugiés as wapons? Kennst du Angela Merkel persönlich – wie ist sie privat? Warum hast du dich aus der Politik zurückgezogen? Welche Rolle spielt die Türkei in Bezug auf die Flüchtlinge? Warum ist der Türkei die EU-Visumfreiheit so wichtig? Was bewirken die Attentate des IS in Europa?« – morgen sehen wir uns wieder, in mir sind noch dutzende Fragen.

Wenn mich des Reisebüro nicht vermittelt hätt.

Tag 11 | 25.2.2016 | Antarktis – Drake Passage I

Ja – es gibt Menschen auf dieser Welt, die für Krieg sind. Jene, die daran verdienen. So einfach ist das. Die Skrupellosen. »Ich zweifle wegen dir am Menschenbild des Guten, du verdienst Millionen, weil Millionen bluten.“ – Text aus meinem Lied „Waffenschieber«.

Da war doch dieser Traum. Die Flotte von Kriegsschiffen vor der Antarktisküste. Unsere an Egoismus erkrankte Menschheit.

Und jetzt diese Begegnung, wie aus dem Nichts. Es ist mir gar nicht Recht, von der mitreisenden Ex Politikerin diese Insider-Fakten der internationalen Militärpolitik zu erfahren. Analysen, die ich so gerne als Weltverschwörungstheorien abtun würde. Mir meinen letzten Funken »Heile Welt« bewahren.

»Die Strategien der IS Attentate stammen aus hoch gebildeten, akademischen Kreisen. Psychologisch ausgefeilt. Sie zielen auf die große Schwachstelle des Westens: Die Dekadenz. Anbetung von Fußball- und Rockgöttern, Verhöhnung von religiösen Symbolen, Konsumsucht, Trägheit, Gier. Angstanfälligkeit. Terroristen opfern ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder. Und sie treffen uns dort, wo wir selbst nicht bereit sind für etwas zu sterben.«

Das alles klingt aus ihrem Mund zu keinem Moment als Terror – Rechtfertigung, sondern als unbändiges Bemühen zu begreifen. Zu verstehen, warum es Konflikte, Kriege und Lebensverachtung überhaupt gibt. Sie ist einer der Menschen, die sich weit über das Mittelmaß für Frieden in der Welt einsetzen.

Sie setzt ihre Erklärungen fort: »Refugees as weapons« ist ein in militärischen Kreisen längst etablierter Begriff. Eine Waffe für soziale Destabilisierung des Gegners – um seine politischen Ziele gegen diesen Gegner durchzusetzen. Die Türkei bekommt nun ihre EU Visumfreiheit, sehr lange hat sie darum diplomatisch gekämpft.“«

Wie die Flüchtlingskrise für Europa aus ihrer Sicht zu bewältigen ist, will ich von ihr wissen? Da holt sie tief Luft…

Andy funkt wieder. Die Dipol-Antenne haben wir auf die andere Seite des Schiffs ummontiert, damit die Abstrahlung in Richtung Europa frei ist. Sofort gelingen Kontakte nach Deutschland, Falklandinseln, Italien. So wie ich Andy beim Funken erlebe, verstehe ich immer mehr warum es ihm so wichtig ist. Ich sehe auch die Parallele zu seiner an Besessenheit grenzenden Begeisterung, das gesamte Relief der Erde abzuketten. Zu vermessen, abzuschreiten, anzufunken – was er nicht sehen kann. Erfahren aber allemal. Ein wichtiger Aspekt unserer Reise.

Habe mich heute mehrfach dabei ertappt, wieder mal Andys Blindheit vollkommen vergessen zu haben. Bin einfach losgegangen, ohne auf seine Hand auf meiner Schulter zu warten. Dann standen wir gemeinsam auf diesem windigen Podest am Heck der Ortelius, montierten schwankend den neuen Mast, die OOOM Fahne und die 4 Antennenkabel. Ich kletterte die Leiter wieder allein hinunter – und erinnerte mich erschrocken: »Andy oben vergessen!«

Andy denkt vor. In allem, in jeder Situation. Nicht nur einen Schritt. Zwei, drei, vier Schritte. Und er denkt in Lösungen, kombiniert dabei perfekt sein breites Allgemeinwissen. Würde er nicht so ticken – er könnte mit Blindenführhund und sonstiger Hilfe durchs Leben gehen.

»Es ist notwendig« – sagt er. »Aus meiner Not heraus muss ich wendig sein. Not-wendig« – Sein uns ständig gedanklich ein paar Schritte Voraussein verblüfft mich, lehrt mich. So lange so nah wie auf dieser Reise sind wir uns zum ersten Mal. Ich beginne Andy zu verstehen.

Seine Art ist ansteckend, durch die ständige Gemeinsamkeit, gegenseitige Abhängigkeit, bildet sich so etwas wie ein übergreifendes Bewusstsein im Team. In alle Richtungen. Im Moment der Bergung zeigte sich das besonders: Wir ticken gemeinsam. Ich merke Veränderungen in meinem Geist, in meiner Haltung, in meinen Handlungen. Die Notwendigkeit, mit Andy stets lösungsorientiert und non-visuell zu kommunizieren, formt mich unmittelbar. Sätze wie »Da drüben« oder »schau mal« oder »Frank steht dort« etc. funktionieren nicht. Ebenso reicht es nicht, einfach los zu gehen oder mit dem Arm auf den Eisberg zu deuten. Wir mussten notwendiger Weise eine sehr genau beschreibende Sprache sowie Berührungskommunikation entwickeln.

Was dafür die Basiskompetenz ist: Achtsamkeit und Vorausdenken sowie eine schonungslose Feedbackkultur. Sofort, direkt. Freundschaftlich.

Unser Weg zurück aus dem Eis hat bereits begonnen

Tag 12 | 26.2.2016 | Drake Passage

»Sag mir: Was ist das Gute, das Hoffnungsvolle an der aktuellen weltpolitischen Situation?« – mir waren die Einschätzungen der Militärexpertin zu pessimistisch, zu deprimierend – ich weigere mich, an den »Untergang des Guten« und den »Sieg des Bösen« zu glauben.

»Das Gute ist, dass wir es – mit globalem Maßstab gemessen – seit 70 Jahren schaffen, den Weltfrieden zu halten. Auch wenn es Kriegsherde gibt – wir sind frei vom Weltkrieg. Europa hat es geschafft, grundsätzlich wirtschaftlich gesund zu sein, Arbeitsplätze zu halten und schwere Krisen zu verhindern« – Frei von dem großen Krieg zu sein – ist das ein Erfolg?

Ja. »Frei von Leid« zu sein ist der eine Teil des Glücks, »frei für ein Gutes Leben« der zweite Teil. »Demut und Verantwortung – daran mangelt es uns. Raus aus dem ‚man müsste mal‘ – hinein ins ‚ich kümmere mich darum’« – Wertschätzen was ist, statt jammern über das was fehlt…

Zu unserem Mittagstisch hat sich eine allein reisende, schmächtige Inderin gesellt. Sie strahlt, ihre Augen so neugierig wie ein Kindergeburtstag, ihre Bewegungen wie ein praller Luftballon ohne Knopf. In mir bewirkt sie »Freude« – einfach weil sie da ist. Sie wünscht sich ein Foto mit Andy, denn sie kennt den einzigen zweiten blinden Bergsteiger der Welt – den US Amerikaner Eric Weihenmeyer – persönlich. Sie nimmt ihre Brille fürs Foto ab – und setzt sie gleich danach wieder auf um alles ganz genau sehen zu können. Seit sie geschieden ist, reist sie um die Welt, besteigt Berge und entdeckt so immer wieder was das Leben wirklich von ihr will.

Als ich ihr erzähle, dass »meine« Devi zur Hälfte ebenso Inderin ist und ich diesen indischen Spirit, diese das Leben grundsätzlich bejahenden Gene so sehr verehre, will sie mit mir auch ein Foto. Sie umarmt mich, drückt mich, reißt sich die schmutzig verschmierten Brillen vom Gesicht und strahlt. Um sich unmittelbar danach fast schon zu sehr bei mir dafür zu bedanken. »Eine Welt voller Menschen wie Sie – und wir hätten den Frieden geschafft« – denke ich mir.

»Was uns fehlt sind strahlende, mutige Vorbilder. Leitfiguren wie Gandhi, Menschen die diese Führungsverantwortung übernehmen. Unsere Gesellschaft ist führungslos, vorbildlos, eierlos. So wie unser Expeditionsleiter. Ein unautentischer Komplexler, der seine mini Machtposition ausnutzt statt nutzt. Er könnte mit seinen Schlauchbooten auch Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten.« – platzt es aus mir heraus. Und dann werde ich still. Denke nach, darüber – warum ich mich zwar ständig über die Politiker aufrege, aber nicht selbst in die Politik gehe. »Mach das ja nicht« – sagt sie. »Dort frisst dich das System. Holt dich ein, erpresst dich mit dem Verlust deiner Anschlussfähigkeit. Mach weiter was du tust! Das ist gut so, bleib frei.«…

Die Ortelius hat Kurs auf Ushuaia. Alle sind irgendwie erschöpft und auch überdreht. Es geht wieder Heimwärts.

Nach dem Abendessen in die Bar. Der österreichische Küchenchef Christian trinkt ebenso sein Abendbier, fragt mich ob er morgen ein Foto mit Andy und seiner Küchenmannschaft machen darf. Ich sag: »Warte hier, ich frag ihn gerne für dich.«- Natürlich sagt Andy ja, wir alle sind vom Essen am Schiff begeistert. Und Andy stupst mich – ob ich Christian fragen könnte, ob eine Gitarre an Board ist.

Sie ist.

Minuten später rockt das Boot. Andy haut alles raus, was er auch nur irgendwie spielen kann. Anda, Roger und Frank gehen hemmungslos mit – »Dalalalalalabamba« und »let it be« und »Hotel California« und »Argentina« und und und – dann mit mir im Duett »Bergwerk«, danach mein neues Lied »Ka Weg z’ruck«… Mittendrin in einem Lied blödelt er zu mir rüber: »Jetzt spiel ma unser Konzert in der Antarktis!«…

Der Expeditionsleiter leidet sichtlich, erfriert einsam auf seinem Barhocker und muss ertragen, dass wir auch ganz gute Animateure sind. Ich kann nicht mehr sagen, ob die Ortelius wegen der tanzenden, grölenden Masse oder dem Wellengang in der Drake Passage so sehr geschwankt hat. Eigentlich vollkommen egal: Sie schwankte!

Spanier, Australier, Holländer, Engländer, Amerikaner, Inder, Deutsche, Russen, Argentinier, Polen, Österreicher, Neuseeländer, Schweizer, Chilenen, Israelis, Philippinen, Hongkong. Allen geht es gemeinsam gut.

Der russische Taucher holt sich die Gitarre – gemeinsam mit seinen beiden Freunden singt er ein russisches, melancholisches Lied. Mich haut es um. Dann bin wieder ich dran: Liebeslied. Sie, die nicht mehr ganz nüchterne Russin weint. Vielleicht wegen meinem Lied, vielleicht auch einfach so. Der Spanier Andrez hat ab 00:00 Geburtstag, wir singen überraschend für ihn. Wir umarmen uns.

Eine Stunde später. Frank, Roger, Anda und Andy sind in ihren Stockbetten – ich noch immer in der Bar. Drei Bier wären genug gewesen, auf fünf hatte ich Lust. Ich bringe die Gitarre zurück zum Barman, gehe schweigend am Expeditionsleiter vorbei, stolpere die drei Decks nach unten und leg mich mit meinem iPhone ins Bett.

In der Kabine schnarchen drei Männer.
01:56. Gute, friedliche Nacht.

Tag 13 | 27.2.2016 | Drake Passage – Kap Hoorn

Alle gesund. Wetter schön. Essen gut.
Wirklich.

Heute ein ruhiger Tag am Meer. Kap Hoorn angesteuert, 3 Seemeilen nahe. Unsere Expeditionssäcke wieder gepackt, Andys Dipol-Antenne abgebaut. Morgen früh wachen wir im Hafen Ushuaia auf, Frühstück am Schiff und dann Transfer zum Flughafen.

Wir pendeln – zwischen noch nicht einzuordenbaren, gewaltigen Natureindrücken und Frust, dass uns nach Ausfall des offiziellen Guides keine freien Touren erlaubt wurden.

»Wir konnten nicht tief in diese Landschaft eintauchen – das ist schade« – so hat’s Anda heute für mich auf den Punkt gebracht. »Oceanwide Expeditions« hat uns zwar sicher, bestens betreut und top bekocht verlässlich in die Antarktis geschifft – das Tourmanagement vor Ort war leider unter jeder Kritik. Wie immer in Unternehmungen ist die Qualität der Führung entscheidend, diese Führung war bestenfalls Siebzigerjahretourismus, dieser Wermutstropfen bleibt uns.

Es wären nicht wir, wenn wir nicht das Gute, Positive vorne hin stellen würden. Ich frag mich nach dem »Sinn im Sinnlosen« dahinter. Dass es dem Bergführer soweit gut geht ist uns allen am Wichtigsten – dieser Absturz hätte weit schlimmer ausgehen können. Er hat starke Schmerzen, wird morgen früh mit uns vom Schiff und mit ADAC Assistenz nach Hause geflogen. Dann kann er endlich umfassend untersucht und behandelt werden.

Interessant, dass wir Fünf darüber hinaus unabhängig voneinander einen Sinn dieser Reise-Schwierigkeiten entdeckt haben: »Unsere Körper wurden geschont. Wir konnten uns erholen, vor allem körperlich.«

Durch das »in einem Boot sitzen« und »nicht aus können« gab es keine Alternative zum »Still sein«. Meine fünffach operierten Beine wurden geschont, die wenigen – traumhaften – Touren waren gut. Verdichtete Erlebnisse. Qualität statt Quantität. Und dafür viele Erlebnisse und Begegnungen, die nicht geplant hätten werden können. Die gesamte Reise vom wertschätzenden Umgang im Team geprägt – ausnahmslos freundschaftliches Miteinander.

»Die Reise war für die Freundschaft« – bringt’s Anda in der für ihn typischen Art auf den Punkt.

Der 13. Tag unserer Reise ist vorüber. 00:20. Argentinien.

Wieder festen Boden unter den Füßen.
Alles liebe aus Ushuaia, Thomas, Frank, Anda, Andy und Roger.

Tag 14 | 27.2.2016 | Ushuaia – Buenos Aires

23. Kilogramm. Runter vom Schiff. Handshake mit dem Expeditionsleiter. Zum Flughafen Ushuaia, Gepäck aufgegeben. Flug nach Buenos Aires. 5. Stunden. Aufenthalt. Dann Nachtflug. Nach Madrid.

Die ersten drei Stunden Wartezeit am Airport schweigend verbracht, jeder in seinen Gedanken, Emails checken, Fotos betrachten. Kaffee trinken. Mit unserem »we have a blind man in our group« – Schmäh haben wir uns an Airport Buenos Aires ein Eigentor geschossen, Andy und Anda wurden früher durch die Immigrationsbehörde abgefertigt, das Privileg galt aber nur für 2 und nicht für 5. Da die beiden schon samt Fingerabdruck und Erkennungsfoto im Transitbereich waren, konnten sie nicht wieder zurück. Roger, Frank und ich nicht hinein. So hatten die beiden Oschddiroler Zeit für ihre für uns sowieso nur schwer verständlichen Dialektgespräche…

Ich fühle mich jetzt leer, was das Schreiben betrifft. Gut leer. Und genieße die Erinnerungen vor allem an all das, was ich während dieser Reise nicht geschrieben habe. Ich will sie mir bewahren, meine stillen Geheimnisse…

Danke Euch fürs Mitlesen, Mitreisen und die vielen starken Sätze. Ich hoffe sehr, euch bald ganz nah erleben zu dürfen. Vielleicht am 15. April, da spiele ich mein Geburtstagskonzert im Wiener Schutzhaus Schmelz. Die Antarktis wird mit auf der Bühne sein.

5 Tage danach | 5.3.2016 | Anninger – Gumpoldskirchen

Gestern, in der Mittagspause des Workshops, piepste der iPhone-Maileingang. Nachricht von unserem Bergführer. Weitaus schwerer verletzt als die Schiffsärztin Tanja am Schiff diagnostiziert hatte. Wirbelbruch, Bänderrisse und Oberarmknochenfraktur. Eineinhalb Wochen nach dem Bergunfall ist er endlich in Deutschland und in medizinisch guten Händen. Da rennt er mir über den Rücken runter – der kalte Schauer. Was für ein Glück im Unglück.

Andere Gedanken kommen auch hoch: War das alles ein Fehler? Welche Rolle und Verantwortung hat der Veranstalter? Welche ich? Ist es wirklich klug und legitim, Touristen und Sportler in die Antarktis zu schiffen – ohne eine entsprechende medizinische Notfall-Versorgung zu bieten? Ist das der berechtigt hohe Preis – oder gar der ausschlaggebende Risiko-Kick – solche Abenteuer anzugehen? War ich mir dieser Gefahren bewusst? Waren sich die gut 70 Naturtouristen an Board der Ortelius bewusst, welchen Risiken sie sich aussetzten, als sie munter drauf los über die schmelzenden Gletscher und deren klaffenden, vom dünnen Schnee bedeckten, tiefen Spalten stapften? Wir hatten lautstark protestiert und gewarnt, spätestens nachdem uns erzählt wurde, dass zwei aus der Mountaineering-Gruppe bis zum Bauch in Spalten waren, dabei ihre Schuhe verloren haben. Oder nachdem wir die unerfahrenen Touristen wie die Enten watschelnd den eisigen 45 Grad Hang hoch hetzen sahen, direkt über uns. Und wir den Aufstieg abbrachen.

Am ersten Vormittag in der Antarktis. Unser Bergunfall. Das eine Bild vor meinen Augen. Es kommt immer wieder. Er nur einen Meter neben mir, Andy zwischen uns. Dann dieser Kracher, dieses weißblaue Licht am Boden rund um ihn. Diese Millisekunde, dieser Augenblick, wo alles still stand. Wo nur ein Gedanke – nein, kein Gedanke, es war ein Bewusstsein – Platz hatte:

»Jetzt ist dieser Moment« Dieser Moment, der alles bestimmt. Dieser Moment, in dem dir zweifelsbefreit klar ist, dass es aus sein kann – oder sogar aus ist. Dass es kein Zurück, nur ein Vorwärts, gibt. Dieses Bild ist da. Gefolgt von vagen Erinnerungen, was genau in den Bruchteilen eines Atemzuges danach geschah:

Andy umarmen. Hart anfassen. Anklammern oder Festhalten. Weiß ich nicht mehr. Nach hinten werfen. Irgendetwas wie »Er fallt!« schreien. Den eigenen Körper elektrisch spüren. Den Ruck durch Andy’s Körper mitbekommen. Körper an Körper. Atemluft zischt. Durchgewirbelt werden. Realisieren, dass wir noch »da sind«. »Seil spannen« hören. 5 Meter nach hinten robben, wissentlich, dass Andy für diese paar Sekunden Alles alleine zu halten hat. Seil auf Zug bringen. Füße in den Schnee drücken, erstes mal wieder Atmen. Andy fragen, ob ich Ski abschnallen soll. Keine Antwort als Antwort interpretieren. „Manda, zieht euch sofort warm an!“ hören. Rucksack vom Rücken. Daunenjacke raus, anziehen. Mütze richten. Ski abschnallen – weil ich es für richtig halte.

Dasitzen. Füße nach vorne. Schneeloch treten. Oberschenkel gespannt. Prickeln. Oberkörper zurück. Meinen Hintermann anbrüllen: »Spann das Seil« – seine Entspanntheit aushalten. Er steht und schaut. Ruhig. Gut. Merken wie mir der Atem stockt.

»Was mach ich Sauttottel hier« – frag ich mich. Alles läuft ab: Antarktis. Kein Hubschrauber. Keine Hilfe. Kein Funkgerät. Kein Laut zu hören vom Abgestürzten. Gefährliche Stelle. Schneebrett gesehen. Meine Intuition war vorher da. »Birgit ist damals genau so bei ihrer Schitour gestorben« fährt durch mein kochendes Hirn.

Wieso hab ich meinen Augen nicht getraut, als ich 10 Schritte vor dem großen Knall das Schneebrett rechts oben gesehen – und die warnende Angst gespürt hab? Ich intuitiv stehen bleiben wollte, aber den Erfahreneren vor mir mehr getraut hab als meiner inneren Stimme. Wie damals beim Tauchen. Als der »schwarze Mann« rücksichtslos geil auf Tiefe und Dunkelheit war. Und ich ihm den Tauchgang nicht versauen wollte. Samt 35 Meter Notaufstieg und unerklärlichem Glück.

Tage zuvor schrieb ich davon. Angst nicht mehr heil zurück zu kommen. Was war vorher? Die Angst und deshalb der Unfall oder die aus der Angst gereifte hohe Achtsamkeit und deshalb der »gute Ausgang« des Unfalls? Ich tendiere zu Variante zwei.

Alles war geprägt durch Achtsamkeit. Wenn ich einen Anteil am Unfall verantworte, dann den: Mir meine Intuition wenige Sekunden vor dem Unfall nicht geglaubt zu haben. Meinen Augen nicht getraut zu haben – obwohl meine Augen auch die Aufgabe hatten, für den vor mir in der Seilschaft gehenden Andy zu sehen. Ich hatte es kommen gesehen. Jedoch es mir selbst nicht geglaubt.

Sitze jetzt am Fuße des Anningers, meinem Gumpoldskirchner Hausberg, beim Spaetrot Heurigen. Weißer Spritzer. Dachstein Berghammerln an. Da, wo mein Antarktis Training vor Monaten begann. Im Wald mit Steigeisen durch die Tieftalschlucht. Schitouren über Stock und Stein und wenig Schnee.

Ich bin wieder da. Aber nicht mehr der Selbe.
‪#‎Antarktis16‬‬

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