Die »schau ma mal Grenze«

Was für ein mächtiges Wort. Grenze. Abgrenzung. Grenzübergang. Grenzerfahrung. Grenzzaun. Grenzverletzung. Grenzziehung. Grenzschranken. Grenzkontrolle.

Grenzen verbinden. Grenzen trennen. Niemand kann »nur seine eigene Grenze« bauen, nur für sich. Einseitig. Grenze bezieht sich immer auch auf die andere Seite. Niemand kann andere aussperren, ohne sich zugleich einzusperren.  Ich bin ein absoluter Freund klarer Grenzen. Gesunder Grenzen. Grenzen sind immer gemeinsame, nachbarschaftliche Bauwerke. Die Grenze ist immer auch der Ort der Berührung, der Begegnung. Und auch der Ort des Krieges, des Konfliktes. Aber auch der Ort des Filterns, des achtsamen Kennenlernens, der Prüfung. Ohne Achtsamkeit passiert an den Grenzen Verletzung. Achtsame Grenzen beschützen mich ohne mich einzuengen. Grenzen sichern und schützen Vertrauen. Grenzen ermöglichen uns ein friedliches Miteinander, schützen vor Missbrauch und regeln die Nachbarschaft. Ich möchte mich auf Grenzen verlassen können! Grenzen ermöglichen Frieden und konstruktive Nachbarschaft.

Was mich seit heute früh beschäftigt… Vor lauter Helfen, Benefiz und erlebten menschlichen Tragödien der vergangenen Wochen habe ich ein schlechtes Gewissen bemerkt, wenn ich mir eingestehe, zur Flüchtlingskatastrophe auch negative Gefühle und Meinungen zu haben. Ich schreibe, was in mir los ist. Auch wenn ich gerne und nach wie vor einer von den »toleranten Willkommenskulturtypen« bin. Nein – umgekehrt: Weil ich diese Willkommenskultur für richtig und wichtig halte, schreibe ich was mich beschäftigt:

Mir hat sich das heutige ORF Bild von den hilflosen Polizisten am Grenzübergang Spielfeld eingebrannt. Dieser nette Versuch, die Flüchtlinge mit den Worten »Ohne gültigen Reisepass keine Einreise« vom Grenzübertritt abzuhalten. Dann auch noch mit weit ausgestreckten Armen, so wie bei der Schulwegsicherung am Zebrastreifen. Was mich – eben genau in meiner toleranten, die Menschenrechte würdigenden, Haltung – wie ein Freistossfussball in die Eier getroffen hat, war das Victory Zeichen der Flüchtlinge, als sie frech und die Anweisung missachtend an den Polizisten vorbei gelaufen sind. Bei aller Freude – das ist die falsche Geste. Definitiv. Wenn das ein Sieg ist, wer ist dann der Feind? Ein demütiges Danke – das wäre stimmig und angemessen. Ich bekomme Lust darauf, meinen Junior gleich aus der teuren Fahrschule zu holen – denn bei der nächsten Verkehrskontrolle empfehle ich ihm das selbe zu machen. Auf gültige Papiere wird geschissen. Sag ihm das, dem Herrn Inspektor – bei der nächsten Verkehrskontrolle. Samt Victory Zeichen vor seine Nase. Und ich bekomme Lust, meine nächste Steuererklärung einfach nicht abzugeben, Lust darauf, auf meinen Gewerbeschein zu scheissen. Und vor allem Vorfreude darauf, bei meiner nächsten Flugreise den Gürtel nicht mehr auszufädeln, mich nicht mehr ausgreifen zu lassen – mit meiner Zahnpasta, meiner Wasserflasche, meinem Macbook und meiner Gitarre am Airport einfach durch den Checkin zu schlendern. Natürlich ohne Reisepass – dafür mit Victory Zeichen.

Die Ambivalenz ist mir bewusst: Es geht um die Verhältnismäßigkeit – Gewaltanwendung versus pragmatischer Resignation. Das sind die falschen Signale. Diese »schau ma mal Grenzen« werden uns tonnenschwer auf den Kopf fallen. Nicht, weil dadurch tausende Terroristen unkontrolliert ins Land spazieren – sondern weil sich eine Mehrheit der ÖsterreicherInnen dadurch verascht und verraten fühlt. Weil dadurch menschlich berechtigte Ängste hoch kommen. Ich will mich auf gesunde Grenzen verlassen können, diese Verantwortung liegt beim Staat, bei der EU und den dafür bezahlten Politikern und Verwaltern. Auch ohne übertriebener Angst vor Einbrechern und Dieben versperre ich meine Wohnungstür und mein Auto. Weil ich dadurch ruhiger schlafe. Weil ich dadurch für klare, funktionierende Grenzen sorge.

Ich habe in den vergangenen Wochen viele Stunden mitten drin in der Menge tausender Flüchtlinge verbracht. Hunderte herzliche, vertrauensvolle Begegnungen, Respekt und Dankbarkeit erlebt. Und auch einige Unverschämtheiten, Grenzverletzungen.

Weil ich für Offenheit und Menschlichkeit bin, für die Hilfe allen schutzsuchenden Menschen gegenüber – deshalb wünsche ich mir dringend funktionierende Grenzen. Weil chaotische, nicht funktionierende Grenzen naturgemäß berechtigte Ängste frei setzen, weil es Verführer und Hetzer gibt, die genau aus diesen Ängsten ihr Kapital schlagen. Unkontrolliertes Durchdringen, Eindringen macht Systeme krank.

Solidarität und Menschlichkeit braucht verbindende Grenzen. Nicht zu verwechseln mit unmenschlichen, starren, nationalistischen trennenden Grenzen.

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