Nachhaltigkeit geht ganz einfach: Hörz auf mit deppad sein.

Nachhaltigkeit ist ja in Wirklichkeit nichts Besonderes. Nachhaltigkeit bedeutet einfach, sich nicht mehr unnachhaltig zu verhalten. So zu leben, dass es nicht auf Kosten der Folgegenerationen passiert. Eine Gesellschaft, die eine Nachhaltigkeitsbewegung als notwendig erkennt, hat sich – und das ist das Gute daran – eingestanden, dass es so nicht weiter geht. Nachhaltigkeit bedeutet also, aufzuhören, auf Kosten anderer Gruppen und Generationen egoistisch zu leben.

Die größten Hebel der Not-wendigen Veränderungen sind in den Feldern Soziales, Ökologie und Ökonomie zu finden. Alle drei Bereiche sind bei Fragestellungen der Stadt- und Dorfentwicklung besonders konzentriert und ineinander verwoben. Ich arbeite seit einigen Jahren als Entwickler für Sonderprojekte in der Stadtentwicklung Wien – Aspern, Die Seestadt. In diesem Artikel will ich diese Erfahrungen aus der großen Stadt in mein kleines Heimatdorf Leopoldsdorf bei Wien tragen.

Im Zentrum dieser – in anderen Worten – Gesellschafts- , Umwelt- und Wirtschaftsfragen steht unser Lebensstil.

Wie bewegen wir uns, welche Raumtemperatur empfinden wir als behaglich, wie kleiden wir uns bzw. wie heizen wir, wenn uns daheim kalt ist? Welche Energiequellen nutzen wir? Welchen Zugang zu erneuerbaren Energien schaffen wir uns? Wie stehen wir zum Teilen statt Kaufen? Wie viele Rasenmäher stehen im Ort pro Einfamilienhaus herum, obwohl einer pro Gasse genug wäre? Wie ernähren wir uns? Woher kommen die Lebensmittel? Welche Kriterien prägen unsere Kaufentscheidungen? Wie veranlagen wir unser Erspartes? Welche Materialien verwenden wir, um unsere Häuser und Straßen zu bauen? Welche Fahrzeuge nutzen wir? Wie klappt der öffentliche Verkehr? Gibt es carsharing? Welche Orte der Begegnung stehen uns zur Verfügung? Wie viele Arbeitsplätze gibt es im Ort? Schaffen wir es, die regionale Wertschöpfung hoch zu halten? Gibt es Tauschkreise, Marktplätze, vielleicht sogar eine Regionalwährung? Versiegeln (betonieren, asphaltieren) wir die Grünflächen zu, wohin leiten wir unser Regenwasser? Wieviele Flüchtlinge werden aufgenommen und in das Dorfleben integriert? Welche Bildungseinrichtungen leisten wir uns? Wie barrierefrei ist der Ort? Welche Konzepte für „gutes Leben in hohem Alter“ setzen wir um? Nutzen wir das Sozialkapital des Ehrenamts oder müssen wir uns alle Dienstleistungen teuer mit Geld erkaufen? Welche Feste und Rituale leben wir, als verlässlich wiederkehrende Treffen, die unseren Zusammenhalt pflegen und stärken? Welche kulturellen Erlebnisse und Aktivitäten gibt es am Ort?

Und zuletzt, jedoch extrem wichtig: Welche politische Kultur pflegen wir? Dialog, Partizipation, Kooperation und Wertschätzung oder Gewinnen wollen, Konkurrenz, Machtausübung, sinnloser Streit und gegenseitige Abwertungen?

Die Stadtentwicklung fokussiert sich – getragen von all diesen Fragestellungen – auf die folgenden Kernbereiche: Ressourcen Bau, Ernährung, Energie, Mobilität, Bildung, Infrastruktur, Öffentlicher Raum, Gemeinschaft und Sozialkapital, Kultur, Work Life Balance und Neue Arbeit. Alles von dem ist 1:1 auch in jedem Dorf wichtig und anwendbar. Was aber in Aspern über allem steht, ist eine politische, breit getragene Vision:

„Wir bauen einen Lebensraum, der so menschenfreundlich wie möglich ist. Unter Einsatz von höchst innovativen Technologien – im Dienst der größtmöglichen Nachhaltigkeit.“

Darin ist das größte Lernpotenzial: Partizipativ eine begeisternde Vision zu entwickeln und diese dann beharrlich gemeinsam umzusetzen. Sich gemeinsam den Fragen des Lebens zu stellen und die Ergebnisse in konkrete Projekte zu lenken.

Wie ein solcher Traum, eine Dorf Vision aussehen kann?
Ich sehe hunderttausende Quadratmeter blühende Einfamilienhausgärten voller Bienen, Obstbäume und selbst angebautem Gemüse, wöchentliche Märkte, auf denen die BürgerInnen ihre selbst produzierten Lebensmittel und Handwerke teilen. Ein Reparaturcafe, in dem wir uns gegenseitig die Waschmaschinen, Ebikes und Computer reparieren, zugleich miteinander reden und den Alten des Dorfes beim Geschichtenerzählen zuhören. Wir fördern über selbst gegründete Genossenschaften die thermische Sanierung der Wohnbauten, teilen unsere Autos und unser KnowHow. Pensionisten betreiben Kindertageszentren und geben ihre Weisheit weiter. Kaum ein Dach ohne Photovoltaik, wir haben Erdwärme als Heizungsquelle erschlossen und in den wundervollen Gemeindeblumentöpfen und Oleander-Kanalrohren wächst der gesunde Hanf. Für die vielen EinzelunternehmerInnen im Ort gibt’s einen Coworkingspace, wo wir uns den Arbeitsplatz teilen und zugleich ein freiwilliges Kulturzentrum betreiben. Leopoldsdorf etabliert sich als „lebenswertester Arbeitsplatz Österreichs“ – free wlan und Arbeitsschwimminseln am Badeteich, E-Shuttle zur U1, erste Nachhaltigkeitsbewegung-Technologieunternehmen siedeln sich an, weil hier prototypisch genau das passiert, worauf die Welt wartet… Smart city wird zum smart village.

Belächelt, bekämpft, bewundert. Das sind die drei Phasen der visionären Entwicklung. Die Seestadt macht uns das vor. Für unsere Nachfolgegenerationen ist es das wert zu denken. Einfamilienhäuser und gasbeheizte Aura Siedlungen können nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein. Da geht noch was.

Infobox
http://www.aspern-seestadt.at
https://smartcity.wien.gv.at/site/

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